Cornelia Goethe Centrum

„Gender Studies – warum tut ihr euch das an?“ Artikel in der Frankfurter Allgemeine Zeitung

Das Studienfach Geschlechterforschung ist an deutschen Hochschulen umstritten. Kritiker sagen: abschaffen! Studenten aus Frankfurt erzählen über den Reiz des Fachs und die Sache mit der Sprache.

Von Uwe Marx

Natürlich kann man die Sache so entspannt sehen wie die Großmutter von Ina Temeschinko. Die erzählt mit einem Schmunzeln, wie ihre Oma mal kommentiert hat, dass die Enkelin an der Uni Frankfurt Gender Studies gewählt hat, Geschlechterforschung also. Das sei doch prima, dass sich jetzt jemand aus der Familie darum kümmere, dass Frauen und Männer gleich bezahlt werden, so der Kommentar. Sie selbst habe das ja leider nicht mehr erlebt. Eine wohlwollende Lesart.

Vertreter des Fachs sind anderes gewöhnt. Kritiker, von denen es jede Menge gibt, werfen ihnen nicht weniger als die Abschaffung der Gesellschaft vor, wie wir sie kennen. Gender-Apologeten gefährdeten die deutsche Sprache, das klassische Familienmodell, die Wissenschaft an sich, das Wohl von Kindern. Sie seien Ideologen, die den Unterschied zwischen den Geschlechtern abschaffen wollten und denen jede staatliche Finanzierung entzogen gehöre. Gründe genug also, um nachzufragen: Macht das noch Spaß, bei so viel Gegenwind Gender Studies zu belegen? Und warum tun Studenten sich das an?

Das Wort Studenten ist natürlich nicht gendergerecht. Die Fünfer-Gruppe aus dem Fach Gender Studies, die sich an diesem Tag auf dem Campus der Goethe-Universität Frankfurt zusammengefunden hat – vier Frauen, ein Mann -, benutzt es nicht, sie schreiben: StudentInnen oder Student_innen oder Student*innen. Und wenn sie das sprechen, achten sie auf die Pause in der Wortmitte. Meistens jedenfalls. Es empört sich aber keiner, wenn nicht gegendert wird.

Die Aufregung kommt eher von einer anderen Seite. „Mich nervt, dass das Thema Sprache in Diskussionen über die Gender Studies immer so wahnsinnig viel Raum bekommt“, sagt eine Teilnehmerin, die unerkannt bleiben will. „Und zwar weil so die Inhalte, um die es auch und eigentlich in der Geschlechterforschung geht, schnell untergehen. Wichtige politische und wissenschaftliche Inhalte werden auf Sternchen und Unterstriche reduziert.“ Das finden alle anderen auch. Ina, die mit der verständnisvollen Oma, sagt: „Sprache und Toiletten – daran hängen sich viele auf. Aber wenige interessiert, worum es in unserem Studium eigentlich geht.“ Richtig, die Toiletten: Die Frage, ob öffentliche Gebäude neben einer Toilette für Frauen und einer für Männer eine dritte für Menschen haben sollten, die sich keinem dieser Geschlechter zugehörig fühlen, führt zuverlässig zu emotional aufgeladenen Diskussionen. Populärer Titel: Transgender-Toilettenstreit.

Die 26 Jahre alte Ina Temeschinko studiert, wie die meisten in der Runde, Soziologie im Hauptfach und Gender Studies im Nebenfach. Das Unbehagen anderer an ihrem Fach spürt sie regelmäßig „Es gibt einen riesigen gesellschaftlichen Gegenwind“, sagt sie. „Aber er trifft uns nicht immer direkt. Gegen die starken rechten Strömungen, die sich von uns regelrecht bedroht fühlen, müssen wir politisch aktiv werden und wissenschaftlich argumentieren.“ Denn Gender Studies sei selbstverständlich eine Wissenschaft und keine Weltanschauung oder so etwas. Dafür steht schon Marianne Schmidbaur, die die Runde zusammengetrommelt hat und die Diskussion als stille Beobachterin verfolgt. Sie ist wissenschaftliche Koordinatorin des „Cornelia Goethe Centrums für Frauenstudien und die Erforschung der Geschlechterverhältnisse“ (CGC), des Kooperationspartners dieses Studiengangs. An Forschungsfeldern fehlt es nicht: Geschlechterverhältnisse, Geschlechterbilder, Diskriminierung aufgrund des Geschlechts und vieles mehr, historisch, politisch oder gesellschaftlich gespiegelt. Das Bachelor-Nebenfachstudium Gender Studies in Frankfurt sei international und habe Berührungspunkte zu jeder Menge anderer Fächer.

Das überzeugt längst nicht jeden Skeptiker. Noch nicht einmal auf dem eigenen Campus. Sherasad Connor, 6. Semester Soziologie und Gender Studies, berichtet einigermaßen empört: „Sogar unter Hochschulprofessoren gibt es den Standpunkt, dass Geschlechterforschung keine Wissenschaft ist, sondern eine Meinung.“ Das CGC kennt fundamentale Kritik an den Inhalten seiner Forschung seit Jahren. Allerdings sei die Lautstärke noch nie so hoch gewesen. Die Kritik sei in der Mitte der Gesellschaft und in der Mitte des politischen Spektrums angekommen. Gender sei – neben dem Neoliberalismus und der Globalisierung – als Ursache für die gesellschaftspolitischen Krisen der Gegenwart ausgemacht.

Dass Parteien wie die AfD schäumen, wundert keinen. Die fordert seit längerem: „Bund und Länder dürfen keine Mittel für die Gender-Forschung mehr bereitstellen und keine Gender-Professuren mehr besetzen.“ Zur Gegenoffensive gehörte auch eine Vorlesungsreihe des CGC, die kürzlich unter dem Titel „Wer hat Angst vor Gender?“ stattfand. Einige der Themen: „Vom Einfluss von Genen und Hormonen auf unser physisches und psychisches Geschlecht“; „Sexualpädagogik im Kreuzfeuer einer reaktionären Medienkampagne“; die Publizistin Carolin Emcke, im vergangenen Jahr mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels ausgezeichnet, widmete sich in einem Vortrag dem rauheren Klima: „Gegen den Hass oder: Die Ordnung der Reinheit“.

Keinen der fünf aus Frankfurt hat die weitverbreitete Skepsis oder der Furor gegen ihr Fach davon abgehalten, sich für Gender Studies zu entscheiden. Ina Temeschinko zum Beispiel sagt, dass in dieser noch recht neuen Disziplin „großes Forschungspotential“ stecke. „Das Geschlecht, so wie wir es kennen, scheint als völlig natürlich und normal“, sagt sie. „Aber wenn man anfängt, sich mit der Kategorie Geschlecht auseinanderzusetzen, entdeckt man, dass viel Leid, Diskriminierungen und unsichtbare Schranken mit der Bewertung und der Konstruktion von Geschlecht zusammenhängen.“ Forschungen zu Homophobie, Weiblichkeitsabwehr und Vorurteilsforschung interessierten sie besonders.

Joshua Lipp, 21 Jahre alt, sagt, dass ihm Gender Studies zum ersten Mal in der Soziologie begegnet seien. Er habe schnell das Gefühl gehabt, mehr Zeit für eine intensive Beschäftigung zu brauchen. Denn er würde gerne Teil einer Entwicklung sein, die zu mehr individueller Freiheit und gesellschaftlicher Gleichstellung führt. Mit anderen Worten: Er wolle beim Kampf gegen Diskriminierung dabei sein.

Kämpferisch gibt sich das komplette Quintett. Das klingt schon bei einer der – anonymen – Begründungen für die Fächerwahl durch: „Wir leben in einer Gesellschaft, die grundlegend durch patriarchale und heteronormative Herrschaftsverhältnisse strukturiert ist. Diesen entgegenzuwirken, verstehe ich als eine wichtige politische Aufgabe. Das Studium der Gender Studies hilft mir, feministische Debatten um Geschlechterverhältnisse wissenschaftlich-analytisch zu durchdringen.“ Außerdem haben alle schon Gegenwind abbekommen. Zum Teil sogar in den eigenen Familien. Joshua Lipp hat da noch Glück. Seine Mutter ist Sozialpädagogin, sein Vater Künstler, beide hätten mit Offenheit reagiert, nicht mit Unverständnis. Sherasad Connor ist es auch schon anders ergangen. Einem Onkel, dem sie von ihrem Praktikum in einem Frauenhaus erzählt habe, sei nichts Besseres als ein geringschätziger Kommentar eingefallen: „Ach, die bösen Männer!“. Zum Teil werde in ihrer Familie auch das Thema gewechselt, wenn sie von ihrem Nebenfachstudium erzähle. „Manche wollen dem Thema aus dem Weg gehen“, sagt sie.

Die Begeisterung für ihr Fach hat das eher noch angestachelt. „Die Gender Studies haben mir aufgezeigt, in welchen Machtstrukturen wir uns bewegen“, sagt sie. „Mein komplettes Weltbild hat sich dadurch verändert. Ich habe es zum Beispiel immer als selbstverständlich hingenommen, dass Männer jungen Frauen auf der Straße hinterherpfeifen, ihnen Dinge zurufen oder Küsschen zuwerfen.“ Früher seien in ihr nach solchen Annäherungen Angst und Unbehagen hochgekrochen. Inzwischen fühle sie sich wehrhafter. Das Wissen um Ursachen und Hintergründe lasse sie „mit einem ganz neuen Selbstbewusstsein durchs Leben gehen“. Trotzdem: „Was einem im Internet an Gegenwind entgegenschlägt, ist zum Haareraufen. Das ist anstrengend. Bei persönlichen Gesprächen ist es dagegen nicht so schlimm.“

Eine gewisse Verteidigungsbereitschaft ist mit Händen zu greifen. Das bringt schon der Alltag mit sich. „Beim Thema Gender Studies stoße ich abends, wenn ich unterwegs bin, zum Teil auf Widerstände“, sagt eine der beiden Studentinnen, die anonym bleiben möchte. „Nach dem Motto: Nicht schon wieder! Für viele ist es anstrengend, sich damit auseinanderzusetzen, sie fühlen sich regelrecht angegriffen.“ Gender Studies gälten vielen ohnehin als Pseudowissenschaft. „In vielen Medien werden wir als Fachrichtung delegitimiert und herabgesetzt“, sagt sie. „Dem kann man nur mit Wissenschaftlichkeit begegnen.“

Fortschritte im Streit um eine gendergerechte Sprache garantiert das natürlich nicht. Hier prallen Welten aufeinander. Die Haltung der Gender-Studies-Vertreter ließe sich so zusammenfassen: Was soll die ganze Aufregung? „Der Aufwand für eine gendergerechte Sprache ist so gering. Da frage ich mich schon, warum man es nicht einfach versucht“, sagt Joshua Lipp. Er selbst hat zwischendurch von „Freunden“ gesprochen, mit denen er mal über das Fach diskutiert habe – ehe ihm mit einem Schmunzeln auffiel: Gendern vergessen. Die Selbstkorrektur lautete dann „Freund“, kurze Pause, „Innen“. Sprache verändere sich doch ständig, sagt eine Studentin in der Runde. Und fragt: „Warum hängt man sich jetzt daran auf, wenn etwas mit Sternchen oder Unterstrich geschrieben wird? Woher kommt dieses Unbehagen?“ Sprache verändere zwar nicht die Welt. „Aber es erregt Aufmerksamkeit, wenn man Gender-Sprache verwendet. Sie sensibilisiert.“

So viel zum Zusammenprall der Sprachwelten, zu Binnensternchen, Betonungspausen oder Unterstrichen. Der Toilettenstreit dagegen war gar kein Thema mehr. Aber vielleicht spricht die Ausstattung in der Etage der Gender Studies ja für sich. Es gibt gleich um die Ecke zwei Türen. Eine für „Damen“, eine für „Herren“.

Der Artikel ist erschienen in der Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 29.07.2017, Nr. 174 / Seite C3

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