Cornelia Goethe Centrum

Cornelia Goethe Colloquien im Wintersemester ’20/21

Die Cornelia Goethe Colloquien sind ein offenes Diskussionsforum für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung. Interessierte* sind herzlich eingeladen!

In diesem und im folgenden Semester stehen die Colloquien unter dem Titel:

Intersektionalität im Kreuzfeuer?

‚Intersektionalität‘ ist ein Konzept, das den Blick auf die Kreuzung (engl. ‚intersection‘), Verflechtung oder Wechselwirkung verschiedener Ungleichheitsverhältnisse richtet. Entwickelt wurde dieser Ansatz, um soziale Platzanweiser wie ‚race‘, ‚class‘ und ‚gender‘ in ihrer Verschränkung sichtbar zu machen. Am Kreuzungspunkt wird Diskriminierung unsichtbar, so die Kritik Schwarzer Frauen. Die Rechtswissenschaftlerin Kimberlé Crenshaw zeigte dies am für dieses Konzept paradigmatischen Fall DeGraffenreidt vs General Motors (1976). Schwarze Frauen hatten gegen ihre Entlassung geklagt, die General Motors nach dem Prinzip „last hired, first fired“ vornahm, da sie überproportional betroffen waren. Nach der Argumentation von General Motors, der das Gericht folgte, lag hier keine rassistische Diskriminierung vor, da Schwarze Männer nicht ebenfalls überproportional betroffen waren und es lag keine Geschlechtsdiskriminierung vor, da weiße Frauen ebenfalls nicht überproportional betroffen waren. Dass Schwarze Frauen – im Unterschied zu weißen – erst ab 1964 eingestellt worden waren, fand keine Berücksichtigung.

Seit einigen Jahrzehnten werden Intersektionalitätsdebatten in globalen feministischen wissenschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen geführt. Mithilfe rassismuskritischer, post- und dekolonialer Perspektiven werden Analysen von komplexen Unterdrückungsverhältnissen vorgenommen, um auf dieser Grundlage Gerechtigkeitspolitiken zu begründen, Handlungsstrategien und neue Methodologien zu entwickeln. Intersektional zu denken und zu handeln, ist dabei mehrfach begründet: durch den Ausschluss Schwarzer Frauen, durch das Antidiskriminierungsrecht und durch die Notwendigkeit einer Revision von wissenschaftlichen, feministischen Politiken und Erkenntnistheorien. Wissenschaftliche Analysen und die Frage sozialer Gerechtigkeit sind in intersektionalen Ansätzen folglich verknüpft.

In Deutschland haben insbesondere die Interventionen Schwarzer, jüdischer, migrierter und lesbischer Frauen an diese internationalen Debatten angeschlossen und damit wichtige Impulse für die wichtige Impulse für die Diskussion um Mehrfachdiskriminierung gesetzt. Den Mittelpunkt intersektionaler Einsätze bildet ein „doppelter Blick“ auf Unterdrückungsverhältnisse und Privilegien einerseits und auf die Bedeutung von Othering-Prozessen andererseits. Diese zeigen sich etwa in der Konstruktion der Figur der Dritte-Welt-Frau als gewissermaßen notwendigem und gleichzeitig verworfenem Gegenbild des modernen westlichen Feminismus.

Die in der internationalen Intersektionalitätsdebatte entfalteten Analyseansätze weisen eine Engführung feministischer Politik und Forschung, bei der Gender als Masterkategorie fungiert, zurück und nehmen stattdessen die historisch und gesellschaftlich je spezifischen sozialen Benachteiligungsfaktoren in den Blick (Sexualität, soziale Klasse, Race/ Ethnizität, ableism, Zugehörigkeit etc). Als Gegenstände intersektionaler Zugänge können die Ko-Konstitution von Macht- und Herrschaftsverhältnissen und die damit verbundenen Hervorbringungen von Subjektivierungen, Handlungsmöglichkeiten und –begrenzungen und ihren Folgen für individuelle Lebenslagen beschrieben werden. Eine zentrale Frage in diesem Zusammenhang ist auch, wie sich in dieser Perspektive das Subjekt eines politischen Feminismus und einer feministischen Wissenschaft denken lässt.

In dieser Vortragsreihe werden aktuelle Debatten aufgegriffen, die sich sowohl auf den erkenntnistheoretischen Status von Intersektionalität als auch auf Potenziale und Grenzen für einzelne Disziplinen beziehen; darüber hinaus wird die Frage diskutiert, wer mit dem Intersektionalitätskonzept arbeiten kann: Stellt Intersektionalität eine Theorie, eine Heuristik oder eine Methodologie dar? Wem ‚gehört‘ das Konzept? Wie wird es im Rahmen der Sozial- und Erziehungswissenschaften, der Disability Studies und der Rechtswissenschaft heute verwendet? Und können/ sollten Schwarze Wissenschaftler*innen das Konzept aufgrund seiner identitätspolitischen Herkunft anders für sich beanspruchen als weiße?

Aktuelle Hinweise zu den Colloquien und COVID-19

Aufgrund der derzeit unabsehbaren Entwicklungen von COVID-19 behält sich das Cornelia Goethe Centrum vor, Veranstaltungen kurzfristig zu verlegen oder abzusagen. Bitte informieren Sie sich vor Veranstaltungsbeginn über Zeitpunkt, Ort und Format der Colloquien unter

Cornelia Goethe Colloquien im WiSe ’20/21

Veranstalterin

Cornelia Goethe Centrum für Frauenstudien und die Erforschung der Geschlechterverhältnisse (CGC)
Konzeption: Bettina Kleiner, Helma Lutz, Marianne Schmidbaur
Koordination: Lucas Schucht

Zeit und Ort

jeweils mittwochs, 18-20 Uhr c.t. (synchron) bzw. (asynchron) ab dem angekündigten Vortragsdatum
auf der CGC Webseite und dem CGC YouTube-Kanal verfügbar.

Der Eintritt ist frei!

Hier geht es zum Download des Programmheftes.
Layout: Miguel Pardo, Grübelfabrik

 

Zum Titelmotiv

© Mwanel Pierre-Louis ‚The Moments of These Moments‘ (2019), Acrylic on Wood Panel.

MWANEL PIERRE-LOUIS  is a contemporary artist based out of Miami, FL. His work combines realism and abstraction in a narrative that draws from personal interactions and pop references. Mwanel‘s paintings feature juxtapositions of fragmented experiences and a strong emphasis on the relationship between subject and color. Born in New York City, from Haitian descent, he‘s spent time living and absorbing the culture from New York, Miami, and Los Angeles. Pierre-Louis attended the New World School of the Arts‘ high school program in Miami, Florida, and Art Center College of Design‘s illustration program in Pasadena, California. Now, he’s submerged into the New Contemporary Art scene. His clients include several transnational enterprises.

Website: www.mwanel.com

Für die Unterstützung der Veranstaltungsreihe bedanken wir uns sehr herzlich bei unseren Kooperationspartner*innen:

Einzeltermine

3
Feb
18:00 bis 20:00
digital
03.02.21

Der Vortrag The Institutional Life of Intersectionality von Jennifer Nash (Duke University, USA) findet am 03.02.2021 asynchron  statt.

Interessierte sind herzlich eingeladen. Weitere Informationen können Sie dem Programmheft entnehmen.

The Institutional Life of Intersectionality

Vortragssprache: Englisch

This talk aspires to historicize the present moment, one where intersectionality is celebrated as “part of the gender studies canon,” (Baca Zinn 2012) “the most cutting-edge approach to the politics of gender, race, sexual orientation, and class” (Hancock 2011), and “the most important contribution that women’s studies … has made so far” (McCall 2005). In other words, the talk endeavors to understand a moment when intersectionality, a form of outsider-knowledge, has become institutionalized, conflated with diversity, and deployed by universities (and women’s studies departments and programs) to signal commitments to inclusion and difference. How and why did intersectionality come to institutional power in the early 2000’s, and what institutional needs – in women’s studies, and in the university more broadly – did intersectionality’s emergence serve?

Jennifer Nash

JENNIFER C. NASH is the Jean Fox O’Barr Professor at Duke University. She is the author of two books: The Black Body in Ecstasy: Reading Race, Reading Pornography (2014) which was awarded the Alan Bray Prize from the GLQ caucus of the Modern Language Association, and Black Feminism Reimagined: After Intersectionality (2019), which was awarded the Gloria Anzaldúa Prize from the National Women’s Studies Association. Her third book, Birthing Black Mothers, is forthcoming on Duke UP. She is also the editor of Gender: Love (2016), and the co-editor of Routledge Companion to Intersectionality (forthcoming). She has published articles in Signs, American Quarterly, Feminist Studies, Feminist Review, differences, GLQ, and Theory & Event. She has held fellowships at the Radcliffe Institute for Advanced Study, Columbia Society of Fellows, and the WEB Du Bois Institute at Harvard University.

Ort & Zeit

03.02.2021 (asynchron)
Die Aufzeichnung ist ab dem 03.02.2021 auf der Homepage des CGC und dem YouTube-Kanal des Centrums abrufbar.

Aktuelle Hinweise zu den Colloquien und COVID-19

Aufgrund der derzeit unabsehbaren Entwicklungen von COVID-19 behält sich das Cornelia Goethe Centrum vor, Veranstaltungen kurzfristig zu verlegen oder abzusagen. Bitte informieren Sie sich vor Veranstaltungsbeginn über Zeitpunkt, Ort und Format der Colloquien unter

http://www.cgc.uni-frankfurt.de/wp-95gY1adQccb81/cornelia-goethe-colloquien/

Veranstalterin

Cornelia Goethe Centrum für Frauenstudien und die Erforschung der Geschlechterverhältnisse (CGC)
Konzeption: Bettina Kleiner, Helma Lutz, Marianne Schmidbaur
Koordination: Lucas Schucht

Für die Unterstützung der Veranstaltungsreihe bedanken wir uns sehr herzlich bei unseren Kooperationspartner*innen!