Cornelia Goethe Centrum

Stellungnahme zum offenen Brief der Deutsch-Israelischen Hochschulgruppe und des VJSH an das CGC

Als Kolleginnen-Team, das in unterschiedlichen Positionen die aktuelle Kolloquiumsreihe des Cornelia Goethe Centrums zu verantworten hat, stellen wir zu o.g. Schreiben Folgendes fest:

1) Grundsätzlich teilen wir als Organisatorinnen der Kolloquiums-Reihe „Feminisms from the Global South“ mit allem Nachdruck die Sorge der Verfasserinnen des offenen Briefes über die Zunahme von Antisemitismus in Deutschland und weltweit. Wir verstehen unsere Reihe explizit als einen Beitrag zur intersektionalen Analyse sämtlicher Formen globaler Unterdrückungs- und Ungleichheitspolitiken und sehen uns damit dem Gerechtigkeitsanliegen, welche DIH und VJSH implizit formulieren, eng verbunden.

2) Das Cornelia Goethe Centrum hat sich in seiner Geschichte immer wieder für eine Debattenkultur eingesetzt, für die es Resonanzräume geben muss. Mit unseren Vortragsreihen wollen wir genau solche Räume schaffen, in denen um Analysen und Antworten gerungen wird. Diese Haltung liegt auch der von uns organisierten Reihe: ‚Feminisms from the Global South‘ zugrunde.

3) Der in dem Schreiben hergestellte Konnex zwischen der BDS Kampagne und der derzeit steigenden antisemitischen Gewalt erscheint uns verkürzt. Aktuelle nationale und globale Konfigurationen von Antisemitismus lassen sich in ihrer hohen Komplexität nach unserer Analyse kaum auf die Auswirkungen dieser Kampagne zurückführen.

4) Zwischen der BDS Kampagne und unserer Veranstaltungsreihe bestehen keinerlei inhaltlichen Verbindungen. Eine – von den Autor*innen beklagte – „BDS-Kampagne auf dem Campus“ der Goethe Universität gab und gibt es nicht.

5) Zutreffend ist, dass wir mit der Kollegin Dr. Islah Jad eine Vertreterin der BDS Kampagne in unsere Kolloquiumsreihe eingeladen haben – allerdings um in unserer Reihe über ein gänzlich anderes Thema, die Frauenrechte in Palästina, zu referieren. Damit stehen wir nicht im Gegensatz, sondern völlig im Einklang mit der Politik, die vom Studierendenparlament in Frankfurt beschlossen wurde.

6) Auf Grundlage unseres Verständnisses von kritischer Wissenschaft und Wissenschaftspolitik erschiene es uns nachgerade absurd, eine kritikwürdige Ausschluss-Kampagne mit umgekehrten Ausschlüssen zu beantworten. Wissenschaftliche Kontroverse und dialogische – durchaus auch harte, aber stets offene – Auseinandersetzungen bilden die Basis des Konzeptes transversaler Politik, das in der kontinuierlichen feministischen Auseinandersetzung mit dem Nahost-Konflikt entstand und insbesondere von der israelisch-britischen Kollegin Prof. Niral Yuval Davis (1997) elaboriert wurde.

7) Wir haben Dr. Islah Jad als exponierte arabische Geschlechterforscherin eingeladen, die zahlreiche international sehr sichtbare Publikationen zur politischen Partizipation und Entwicklung der palästinensischen Frauenbewegung verfasst hat, und seit vielen Jahren Prozesse transnationaler Frauenbewegungspolitik analysiert. Sie ist Direktorin des Institute of Women’s Studies an der Birzeit Universität und arbeitet mit renommierten arabischen feministischen Wissenschaftlerinnen wie Suad Joseph oder Fatima Sadiqi zusammen. Dr. Jad veröffentlicht die Ergebnisse ihrer Forschungen in verschiedensten international anerkannten Journals wie beispielsweise im Journal of Middle East Women’s Studies, dem französisch sprachigen Cahiers Gendre et Developpement oder im Bulletin des Institute of Development Studies. Ihr internationales Renommee unterstreicht nicht zuletzt auch ihre Funktion als Mitverantwortliche des vom United Nations Development Program (UNDP) herausgegebenen Gender Berichtes zum regelmäßig erscheinenden „Arab Human Development Report“ (UN 2005).

8) Ein genauer Blick auf die im DIH/VSJH Schreiben zitierten Quellen zeugt davon, dass Dr. Islah Jad in ihren Publikationen internationales Recht, sowie Gleichheits- und Antidiskriminierungspolitiken adressiert und Selbstbestimmungsrechte einfordert.

9) Dr. Islah Jad musste ihren Vortrag bei uns aus familiären Gründen kurzfristig absagen. Von der hier geführten Diskussion über ihr Kommen hat sie keinerlei Kenntnis.

10) Gerne laden wir als Verfasserinnen dieser Stellungnahme zur weiteren Diskussion ein und würden uns über ein Treffen mit den Autor*innen des DIH/VJSH-Briefes freuen.

Frankfurt, 15.05.2018
Helma Lutz/ Uta Ruppert/ Tanja Scheiterbauer

Nira Yuval-Davis, Gender and Nation, London: Sage Publications 1997
Arab Human Development Report 2005: Towards the Rise of Women in the Arab World, UNDP 2005

Hier geht es zum offenen Brief der Deutsch-Israelischen Hochschulgruppe und des VJSH

Bildcredit: Neville Nel

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