Cornelia Goethe Centrum

Cornelia Goethe Salon 2016 – Laudatio von Karin Flaake

Laudatio zur Arbeit von Archana Krishnamurthy:Scham Macht und Geschlecht. Körperdialoge Südindien

 
Cornelia Goethe Salon 7.12. 2016

 
ich freue mich Ihnen die Arbeit von Archana Krishnamurthy vorstellen zu können, einmal als Mitglied der Jury, die sich vorbehaltlos für die Auszeichnung dieser Arbeit entschieden hat, zudem aber auch, weil die Arbeit mich in meinem eigenen Arbeitsgebiet, den körperlichen Veränderungen von Mädchen in der Pubertät, sehr bereichert hat.
Archana Krishnamurthys Arbeit zielt auf ein zentrales Thema feministischer Diskussionen: auf die Verankerung geschlechtsbezogener Machtverhältnisse im Körper von Frauen und damit auf die sozial induzierte innere Bindung an geschlechtsbezogene Ungleichheitsstrukturen. Die Studie arbeitet auf eindrückliche Weise einen zentralen Machtfaktor in Geschlechterverhältnissen, einen zentralen Transmissionsriemen für die Umsetzung von Machtverhältnissen in innerpsychische Befindlichkeiten und den Körper von Frauen heraus: nämlich die Scham, jenes Gefühl, dass – und das ist denke ich für uns alle nachvollziehbar – als zutiefst verunsichernd und das eigene Selbstbewusstsein und den eigenen Selbstwert infrage stellend erlebt wird, und dass zugleich unlösbar verbunden ist mit gesellschaftlichen Normen und damit auch Geschlechternormen. Um dieser Scham von Frauen und ihren Auswirkungen auf den Körper auf die Spur zu kommen hat Archana Krishnamurthy einen überaus kreativen und innovativen Zugang entwickelt. Sie macht zunächst die Grenzen von auf Versprachlichung beruhenden Untersuchungsmethoden, zum Beispiel Interviews, deutlich, die wesentlich geprägt sind von intellektuellen Verarbeitungsstrategien und über die von daher im Körper verankerte und oft nicht bewusste Muster kaum erfasst werden können. Vor diesem Hintergrund hat die Autorin ihre theaterpädagogische Ausbildung im Rahmen des Theaters der Unterdrückten genutzt, um eine dem Thema angemessene Untersuchungsmethode zu erarbeiten, nämlich die Darstellung erinnerter Schamsituationen und ihre Auswirkungen auf den Körper mit theatralischen, also direkt körperbezogenen Mitteln. In zwei Theaterworkshops in Südindien wurden die Frauen aufgefordert, zunächst selbst als Frau erlebte Schamsituationen zu spielen und daran anschließend darzustellen: wie ist meine Scham und was macht die Scham mit mir? Durch diese Darstellungen konnten die innerpsychischen Qualitäten von Scham und ihre Auswirkungen auf den Körper deutlich werden. In einem weiteren wichtigen Schritt wurden die Forschungsteilnehmerinnen aufgefordert, die vorher gezeigten Situationen zu verändern und damit einen anderen Umgang mit der Scham zu entwickeln.
Die in den beiden Workshopgruppen von den Frauen dargestellten Szenen wurden von den Teilnehmerinnen anschließend beschrieben, interpretiert und diskutiert. Diese Texte sind wesentliche Basis der empirischen Auswertungen, das „verbal formulierte Wissen der Forschungsteilnehmerinnen“ (49) steht im Zentrum. Damit sind die Grenzen von Untersuchungsmethoden, die auf der Versprachlichung innerer Befindlichkeiten beruhen, nicht ganz aufgehoben, aber ihre Grenzen deutlich erweitert. Archana Krishnamurthy reflektiert diese Grenzen, wie sie auch während des gesamten Forschungsprozesses ihr eigenes Vorgehen immer wieder auf den Prüfstand stellt. So zeichnet sich die Arbeit aus durch ein hohes Niveau der Reflexion des eigenen Vorgehens, insbesondere bezogen auf die Angemessenheit der gewählten Untersuchungsmethode, der theoretischen Einbindungen und der eigenen Positionierung bezogen auf Untersuchungsinteressen, auf das Thema der Studie und das Verhältnis zu den Forschungsteilnehmerinnen, etwa bezogen auf die Frage nach der Einbindung der Forschenden in Machtverhältnisse, wie sie auch gegeben sind durch die sozialen Kategorien Klasse, kultureller Hintergrund und – wichtig bezogen auf Indien – Kastenzugehörigkeit.
In den von den Frauen dargestellten Schamsituationen werden zwei zentrale Quellen von auf das Frausein bezogener Scham deutlich, beide beziehen sich auf den weiblichen Körper: auf die Menstruation und die Brüste. Stark schambesetzt ist das mögliche Sichtbarwerden des Blutes der Menstruation und das mögliche Sichtbarwerden der Brüste, zum Beispiel durch ein Verrutschen der Dupatta, das den Oberkörper bedeckenden Tuches. Verstecken und Bedecken sind – das arbeitet die Autorin überzeugend heraus – die in gesellschaftlichen Geschlechterbildern verankerten Anforderungen an Frauen in Südindien. Beides – die Regelblutung und die Brüste – sind Symbole der Reproduktion, der Gebärfähigkeit von Frauen, haben aber auch sexuelle Gehalte. Brüste verweisen in den untersuchten Kontexten Südindiens, aber auch vielen anderen Kulturen, nicht nur auf die Möglichkeit zu stillen, also die Reproduktionsfähigkeit von Frauen, sondern sind zugleich sexualisiert, Symbole sexueller Attraktivität. Bedeutungsgehalte bewegen sich in einer Spannung zwischen Sexualisierungen von außen und der Möglichkeit eines eigenen Begehrens. (131) Ähnliches gilt für die Regelblutung. Sie zeigt nicht nur die Möglichkeit eines potentiellen Schwangerwerdens an, sondern ebenso die Möglichkeit, Sexualität zu leben ohne schwanger geworden zu sein, also die Möglichkeit einer von der Reproduktion abgelösten Lust von Frauen. Diese Verbindung von Reproduktionsfähigkeit und Sexualität, vielleicht genauer sexueller Lust von Frauen, scheint – so der Gehalt entsprechender Normen des Versteckens und Bedeckens – bedrohlich zu sein, so dass in geschlechtsbezogenen Machtverhältnissen verankerte Normen die Notwendigkeit einer Kontrolle und Selbstkontrolle des Körpers von Frauen vermitteln, einer Kontrolle und Selbstkontrolle, die so wirksam ist, weil ihr Scham, eine potentielle Beschämung zu Grunde liegt. „Geschlechterdiskurse stellen ‚bedrohliche weibliche‘ Körper her.“ (165) „Die fruchtbare, potente Frau und die damit von ihr ausgehende Gefahr, ungleiche Geschlechterverhältnisse zu unterminieren, muss … kanalisiert werden. Diese vermeintlich bedrohlichen Körper machen eine dauerhafte Führung und Überwachung derselben notwendig.“ (180)
Archana Krishnamurthy bettet ihre Analysen auf überzeugende Weise ein in eine Analyse der gesellschaftlichen Situation von Frauen in Südindien: in koloniale, post-und antikoloniale Diskurse, die sich auf den Körper von Frauen beziehen und in eine Untersuchung der Bedeutung von Frauenkörpern als Instrumente für die Aufrechterhaltung von Kasten- und Klassenhierarchien. Die Autorin hat aus guten Gründen auf einen Vergleich mit westlichen Kulturen verzichtet, entsprechende Parallelen haben mir beim Lesen der Arbeit jedoch immer wieder nahe gelegen und mich bereichert in der Möglichkeit, die Bedeutung der Scham für die Verankerung geschlechtsbezogener Machtverhältnisse auch im Körper von Frauen in westlich geprägten Gesellschaften besser zu verstehen. So zeigt sie auf der Basis der körperbezogenen Darstellungen der Forschungsteilnehmerinnen auf eindrückliche Weise, welche Auswirkungen Scham auf den Körper von Frauen hat. Deutlich wird das darin enthaltene Gewaltpotenzial, das sich niederschlägt in zurückgenommenen passiven Haltungen – zum Beispiel abgewendeten und gesenkten Blicken, gebeugten und zurück weichenden Körpern sowie im Verlust der Stimme: „Scham macht stumm, sie bringt Frauen zum Schweigen“ – so die Erfahrungen der Forschungsteilnehmerinnen. Scham – so weiter die Erfahrungen der Frauen in den gespielten Szenen – tötet die Selbstachtung, sie überwältigt, drückt nieder, stranguliert, zwingt in die Knie, sie nimmt die Lust am eigenen weiblichen Körper. Scham ist zugleich Quelle für Strategien der permanenten Selbstüberwachung und -disziplinierung, die verhindern sollen, dass das Blut der Menstruation und die Brüste sichtbar werden.
Archana Krishnamurthy verbindet in ihren Analysen Bourdieus Habituskonzept – das den Niederschlag gesellschaftlicher Verhältnisse in körperlichen Haltungen zum Thema hat – auf produktive Weise mit Foucaults Konzepten der Gouvernementalität und Selbstdisziplinierung, die auf die dauernde Selbstüberwachung der Einzelnen gemäß gesellschaftlicher Normen und damit die Reproduktion von Machtverhältnissen durch die in sie Eingebundenen zielen, auf die Verknüpfung von Technologien der Herrschaft mit Selbsttechnologien. Die Anbindung an Judith Butlers Konzept der Performanz eröffnet der Autorin dann Perspektiven für Veränderungsprozesse. Gesellschaftliche Normen und Diskurse – so die Argumentation Butlers – sind nur durch eine sich permanent wiederholende Anwendung wirkmächtig, sie sind darauf angewiesen, in konkreten Situationen immer wieder inszeniert und reproduziert zu werden. Durch diese sich wiederholende Praxis eröffnen sich Spielräume für Umdeutungen, Modifikationen und Subversion hegemonialer Diskurse und damit die Möglichkeit, Gesellschaft mit zu produzieren und sie zu verändern. So muss auch das Gebot der Unsichtbarkeit des Menstruationsblutes und der Brüste immer wieder performativ – durch entsprechende Strategien des Verbergens – abgesichert werden, eine sich wiederholende Praxis, die Spielräume für Veränderungen eröffnet.
Auf diese Veränderungsmöglichkeiten bezieht sich ein weiterer wichtiger Schwerpunkt der Studie. Aufgefordert die gezeigten Schamsituationen so zu gestalten, dass sie mit einem guten Gefühl verlassen werden können, entwickelten die Forschungsteilnehmerinnen eine Vielzahl von Veränderungsperspektiven. Gemeinsam ist diesen neuen Szenen eine veränderte Körperhaltung der Frauen: die Körper sind jetzt aufgerichtet, der Blick nicht gesenkt oder abgewendet, sondern auf die beschämende Person gerichtet, zum Beispiel in einer Szene, in der der Schamanlass – das sichtbar gewordene Blut der Menstruation – zurückgewiesen wird. Die diese Situation spielende Forschungsteilnehmerin erschrickt kurz, zuckt dann aber mit den Schultern, lächelt und verlässt aufrecht, ohne sich umzusehen, die Szene. Sie nimmt damit der beschämenden Person die Macht und der Scham ihre Wirkmächtigkeit. Es verändert sich das Körpergefühl – es drückt Selbstbewusstsein und Entschiedenheit aus, von Einigen wird statt Scham Wut erlebt. Aber auch der Beziehungsraum wird neu strukturiert. Es entstehen durch die veränderten Körperpositionen neue Machtbeziehungen zwischen den Beteiligten, die Adressatin der Beschämung hat sich aus ihrer unterlegenen Position herausgearbeitet. Archana Krishnamurthy weist darauf hin, dass körperliches Umlernen ein lang andauernder Prozess ist, durch den aber Möglichkeiten des Widerstands gegenüber geschlechtsbezogenen Diskursen deutlich werden. „Der Körper von Frauen ist …nicht nur Ort von Verletzung, sondern vor allem auch ein Ort gelebter Möglichkeit.“ (241) Widerstand – so die Schlussfolgerung der Autorin – muss auch vom Körper aus gedacht werden. Wie wirkungsvoll eine solche Strategie sein kann, zeigt sich in den Rückmeldungen der Forschungsteilnehmerinnen: das Spielen und Sprechen über Scham wurde als sehr wichtiger und wertvoller Aspekt des Workshops bewertet. Die zum Schweigen und Verstummen bringende Wirkung der Scham wurde damit aufgelöst, der Wirkmächtigkeit von Scham ihre Kraft genommen.
Abschließend kurz zur Bedeutung von Archana Krishnamurthys Analysen für westlich geprägte Gesellschaften. Für mich waren diese Analysen – insbesondere der Verweis auf die Bedeutung von Scham für die Verankerung geschlechtsbezogener Machtverhältnisse im Körper – sehr wichtig, um Verarbeitungsprozesse der körperlichen Veränderungen von Mädchen und jungen Frauen in der Pubertät – das ist mein Arbeitsgebiet – besser zu verstehen. Untersucht man das Verhältnis in der BRD aufwachsender junger Frauen zur Regelblutung zeigt sich eine Diskrepanz: In Interviews betonen die meisten – entsprechend dem Bild vom aufgeklärten Mädchen, das informiert ist und über seinen Körper Bescheid weiß – dass die Menstruation für sie „total normal“ und „kein Problem“ ist. Archana Krishnamurthy berichtet von ihren Schwierigkeiten, in Berlin Teilnehmerinnen für einen Workshop über Scham zu finden – sie stellt eine „Scham über das Schämen“ fest. Bereits das Empfinden von Scham scheint für die Frauen schambesetzt zu sein. (24) Ich denke ähnliches findet sich bei jungen Frauen: Autonomie- und Rationalitätsgebote sind so tief verankert, dass es schwer ist, entsprechende Gefühle zuzulassen. Aber sie sind vorhanden: So werden im anonymen Rahmen von online Beratungsforen bezogen auf die Regelblutung große Ängste deutlich. Ähnlich wie für die Forschungsteilnehmerinnen in Archana Krishnamurthys Studie beziehen sie sich auf das mögliche Sichtbarwerden des Menstruationsblutes, bei einigen auch schon auf den Gedanken, dass andere mitbekommen könnten, dass sie menstruieren, auch wenn das Blut nicht zu sehen ist. Das Gebot des Versteckens gilt bezogen auf die Regelblutung auch für diese in einer westlich geprägten Gesellschaft lebenden jungen Frauen und schafft auch für sie die Notwendigkeit, immer wiederkehrende Strategien der Selbstkontrolle und Selbstdisziplinierung zu praktizieren. Archana Krishnamurthys Analysen haben mir deutlich gemacht, wie tiefgreifend die Auswirkungen der auf den Körper bezogenen Scham für Frauen sind: Sie schafft strukturell in Geschlechterverhältnissen verankerte verwundbare Bereiche, eine Verletzungsoffenheit von Frauen, die ein Element ihres Selbstverständnisses und Selbstbewusstseins fragil und anfällig für Entwertungen machen und damit zur Stabilisierung geschlechtsbezogener Machtverhältnisse beitragen kann. Prägnant zusammengefasst in den Worten der diesjährigen Preisträgerin des Cornelia Goethe Preises: „Das Körpervokabular der Scham … ist Ausdruck verdichteter Erfahrung von Machtbeziehungen.“ (181)

 

 

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