Cornelia Goethe Centrum

Berichte von GRADE Center Gender Veranstaltungen

Aina J. Khan: Muslim Women and the Rise of Far-Right Movements – Precarious Positionalities, Vulnerable Visibilities

Dezember 2018

Kurz vor Jahresende wurde auf Initiative von CGC Mitglied Friederike Alm, Aina J. Khan in das Cornelia Goethe Centrum eingeladen. Aina Khan ist Studierende im Graduiertenprogramm ‚Religion in Global Politics‘ an der School of Oriental and African Studies in London und arbeitet zudem als Journalistin, u.a. für Al Jazeera English, The Guardian und The Independent. In ihrem Vortrag untersuchte sie, welche Rolle muslimische Frauen in den Argumentationen von rechten und rechtsextremen Gruppen spielen und wie vordergründig feministische Argumentationen von konservativen Gruppen für rassistische Interventionen genutzt werden.

Ihr Fokus lag dabei auf der Situation muslimischer Frauen in Großbritannien, sie bezog sich aber auch immer wieder auf Beispiele aus unterschiedlichen Regionen der Erde. Khan bezeichnet beispielsweise die Intervention in Afghanistan, die unter anderem von Laura Bush unterstützt wurde, als ein Beispiel für kolonialen ‚Feminismus‘. Auch das ‚Burkini‘-Verbot in Frankreich oder historische Diskussionen um den Sari in Indien zog sie heran, um das koloniale und rassistische Denken hinter dem angeblichen Interesse am Schutz der betroffenen Frauen hervorzuheben.

Den Abschluss ihres Vortrags bildete ein Ausschnitt aus einem Veranstaltung mit Kübra Gümüşay, die sich gegen eine Reduktion muslimischer Frauen auf ihre Identitäten ausspricht, mit der Hoffnung nicht mehr als „intellectual cleaning lady“ agieren zu müssen. Fragen aus dem Publikum gab es vor allem zu der Rolle des Brexits für den rassistischen Diskurs in Großbritannien und zu den Abwehrreaktionen auf lautstarke muslimische Frauen, die ihren Platz im öffentlichen Diskurs einfordern.

Kamingespräch mit Dagmar Herzog

Dezember 2018

Im Dezember fand das erste Kamingespräch des GRADE Centers Gender mit Dagmar Herzog statt. Dagmar Herzog forscht und lehrt als Professorin für Geschichte am GRADUATE Center der City University in New York. In vorfesttäglicher Atmosphäre konnten Master- und PhD-Studierende Fragen an sie richten, für die in anderen Kontexten oft kein Raum bleibt. So gab Herzog einige Anekdoten aus ihrer Biographie preis und erzählte wie sie begann sich für die Geschichtswissenschaft zu begeistern. Sie versteht dabei die historische Forschung als eine Art ‚Detektivarbeit‘, bei der nach Motiven und Zusammenhängen gesucht wird.

Inhaltlich standen vor allem Diskussionen rund um Abtreibung und Disability Rights im Mittelpunkt des Kamingesprächs, auch vor dem Hintergrund der Veröffentlichung von Dagmar Herzogs neuestem Buch „Unlearning Eugenics: Sexuality, Reproduction, and Disability in Post-Nazi Europe“. Dabei wurden insbesondere Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen dem deutschen und dem US-amerikanischen Kontext in den Blick genommen.

Auch Fälle sexualisierter Gewalt und sexueller Belästigung an Universitäten wurden von den Teilnehmer*innen des Kamingesprächs thematisiert. Zentral ist für Herzog dabei die Tatsache, dass „Sex immer doppelt“ sei. Es gehe bei Debatten über und Konflikten um Sex, nicht nur um Sex an sich, sondern es würden auch immer weitere Themen, z.B. Machtstrukturen, mitverhandelt. Abschließend gab Dagmar Herzog einen Einblick in Kontroversen der #MeToo-Debatte in Vorgriff auf ihren Vortrag im Rahmen des Cornelia Goethe Colloquiums am folgenden Tag.

Nira Yuval-Davis: Dialogical Epistemology and Transversal Feminism

Oktober 2018

Der Workshop „Dialogical Epistemology and Transversal Feminism“ am 30.10.2018 mit Nira Yuval-Davis, emeritierte Professorin der University of East London, beschäftigte sich mit methodologischen und theoretischen Fragen rund um feministische Forschung. An dem Workshop nahmen sowohl Master-Studierende als auch Doktorand*innen und Post-Docs aus unterschiedlichen disziplinären Hintergründen teil. Auf der Grundlage des gemeinsamen Interesses an feministischer Forschung ergab sich schnell ein interdisziplinärer Dialog zu den Fragestellungen des Workshops.

Im Zentrum der Diskussionen stand dabei Konzept der situierten Intersektionalität, welches von Nira Yuval-Davis (weiter)entwickelt wurde. Yuval-Davis betrachtet es als Analyseinstrument um miteinander verwobene soziale Dimensionen adäquat erfassen zu können. Sie hat dabei von ihrem aktuellen Forschungsprojekt zum Diskurs über Roma in Europa berichtet, der zu verschiedenen historischen Zeitpunkten an verschiedenen Orten (Großbritannien, Finnland, Ungarn) analysiert wurde um ein Bild von dessen räumlicher und zeitlicher Entwicklung zu bekommen.

Daran anschließend wurde der Ansatz der Transversalen Politiken diskutiert, welcher in den 1970ern aus der praktisch-politischen Arbeit von italienischen Feminist*innen in Bologna entstanden ist. Transversale Politiken versuchen, im Kontrast zu universalistischen Ansätzen einerseits und Identitätspolitiken andererseits, in unterschiedlichen Gruppen vorhandene gemeinsame Werte zu nutzen um zu einem gemeinsamen Verständnis einer Situation zu gelangen welches über Identitätsgrenzen hinweg bestehen kann. Sie sind bis heute ein wichtiger Ansatz in dialogisch orientierter Konfliktbewältigung.

Nach der Diskussion der Konzepte von Nira Yuval-Davis blieb noch ausreichend Zeit um die Projekte der Teilnehmer*innen zu besprechen. Dabei konnten nicht nur zahlreiche Anregungen für die eigene Forschung mitgenommen werden, es wurden auch viele neue Kontakte unter den Teilnehmer*innen geknüpft. Ein gemeinsames Mittagessen in der Mensa (inklusive des obligatorischen Besuchs von Adornos Schreibtisch) rundete den arbeitsintensiven Tag ab.