Cornelia Goethe Centrum
Ayse-Gül Altinay: Doing Feminism and Gender Studies in Dark Times, 6.6.2018, Cornelia Goethe Center lecture series, summer 2018, „Feminisms from the Global South“.

Ayşe Gül Altınays Aussagen vor Gericht

Ayşe Gül Altınays erste Aussage vor Gericht – 11. Dezember 2018

Altınays Aussage auf Türkisch finden Sie auf bianet.org.

Bevor ich auf die Anschuldigungen in der Anklageschrift antworte, möchte ich erläutern, warum ich die Erklärung „Wir beteiligten uns nicht an diesem Verbrechen“ unterschrieben habe.

Mein Großvater Nihat Karayazgan kämpfte im Koreakrieg, bevor er als Oberst der Streitkräfte in den Ruhestand trat. Ich bin dankbar, dass er lebend aus Korea zurückgekehrt ist und dass ich die Gelegenheit hatte, viel Zeit mit ihm zu verbringen, bis wir ihn während meiner Studienzeit verloren.

Ich war in der Sekundarschule, als ich meinen Großvater zum ersten Mal, mit großer Neugier, nach seinen Erfahrungen im Koreakrieg befragte. Ich habe immer noch ein lebhaftes Bild seines Gesichts vor Augen, das als Antwort auf diese Frage dunkel wurde. Nachdem er eine Weile geschwiegen hatte, sagte er: „Krieg ist eine schreckliche Sache, mein Kind, jeder leidet im Krieg, allen passieren schreckliche Dinge.“

Mein Großvater – ein meisterhafter Erzähler, mit Dutzenden von Geschichten zu jedem erdenklichen Thema in seinem Repertoire – teilte keine einzige Geschichte über den Koreakrieg mit uns. Aber die Dunkelheit seines Gesichts, als er sagte, „Jeder leidet im Krieg, jedem schreckliche Dinge passieren“, habe ich seitdem nicht vergessen. Es war mein Großvater, von dem ich als erstem über den hohen Preis erfuhr, den diejenigen, zahlen, die Krieg und Gewalt erleben. Ich glaube, dass diese Lektion eine Rolle bei meiner späteren Entscheidung gespielt hat, Akademikerin zu werden, die über Krieg und Gewalt forscht.

Ich fühle mich bis heute meinem Großvater, mir selbst und der gesamten Menschheit gegenüber verantwortlich, die Art von Schmerz zu erforschen und zu verstehen, die mein Großvater aus erster Hand erlebt hatte und deren Spuren er ein Leben lang mit sich trug, und dazu beizutragen, dass niemand derartige Schmerzen – zuhause, in der Schule, auf der Straße, oder in einem anderen Lebensbereich – erleben musste. Die Unterzeichnung der Erklärung „Wir werden keine Partei dieses Verbrechens sein“ war in gewisser Weise das Ergebnis dieses unschätzbaren Erbes meines Großvaters.

Ein Teil meiner Doktorarbeit befasste sich mit den Erfahrungen von Männer im Militärdienst. Ich forschte zur Geschichte der Einführung eines verpflichtenden Militärdienstes, von der Osmanischen zur Republikanischen Ära. Ich sammelte die Spuren ein, die die Erfahrungen im Militär bei Männern jeden Alters hinterlassen hatten. Zu meinen Befragten gehörten auch Männer, die in den neunziger Jahren ihren Militärdienst in der Südosttürkei abgeleistet hatten. Ich wurde Zeuge der schweren Spuren, der physischen und psychischen Narben, die ihre Erfahrungen von Konflikt, Verlust und Tod hinterlassen hatten, und die den Rest ihres Lebens prägten.

Im Rahmen dieser Forschung hörte ich mir auch die Erfahrungen junger Menschen an, die in den 1990er Jahren Gymnasiasten in Städten im Südosten gewesen waren. Es war sehr interessant, diese Erfahrungen mit denen von Schülern aus Istanbul, Izmir und Ankara zu vergleichen. Daher hat mir meine Doktorarbeit auch geholfen, die schweren Belastungen und die psychischen Wunden von jungen Menschen in Konfliktzonen zu erkennen und zu verstehen.

In den folgenden Jahren habe ich mich intensiv mit den Gewalterfahrungen von Frauen in der Familie befasst. Eines der auffälligsten Ergebnisse der bundesweiten Umfrage, die wir mit Professor Yeşim Arat, mit Unterstützung von TÜBITAK, durchgeführt haben, war: Der Faktor, der das Risiko einer Frau, von ihrem männlichen Partner Gewalt zu erfahren, am stärksten erhöhte, war das nicht erreichte Bildungs- oder Einkommensniveau, auch nicht, ob sie in einer Stadt oder einem Dorf lebte oder ob ihre Ehe arrangiert worden war – sondern, ob sie miterlebt hatte, dass ihr eigener Vater ihrer eigenen Mutter gegenüber gewalttätig wurde.

Ganz ähnlich war die Variable, die den größten Einfluss darauf hatte, ob ein Mann gegenüber seiner Partnerin gewalttätig war, die, ob er gesehen hatte, wie sein eigener Vater gegenüber seiner eigenen Mutter gewalttätig war. Ausgehend von diesen Erkenntnissen haben wir dies in unserem Bericht und dem darauf folgenden Buch hervorgehoben:

„Nach dieser Studie verdoppelt sich die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mann gewalttätig gegenüber seiner Partnerin wird, und dass eine Frau Gewalterfahrungen durch ihren Partner erleidet, durch Gewalt, die in der Kindheit erlebt oder beobachtet wird. Dieses Phänomen, das oft als „Kreislauf der Gewalt“ bezeichnet wird, unterstreicht die Bedeutung der Sozialisierung in einem gewaltfreien Umfeld. Das macht es so wichtig, das Bewusstsein für Gewalt in der Gesellschaft zu schärfen und insbesondere in den Medien und in Lehrbücher hervorzuheben, dass Gewalt kein legitimes Instrument zur Lösung von Konflikten ist. (Altınay ve Arat 2007, S.110).

Die Ergebnisse dieser Untersuchungen stimmen mit den grundlegenden Erkenntnissen der Traumaforschung in verschiedenen Teilen der Welt überein:
1) Das Erleben von Gewalt (zu Hause oder in der Gesellschaft) erhöht das Risiko, Opfer oder Täter von Gewalt zu werden, erheblich;
2) Die „Posttraumatische Belastungsstörungen“, die durch einen traumatischen Militärdienst oder Kriegserfahrung verursacht werden, machen es nicht nur Einzelpersonen unmöglich, ein gesundes Leben zu führen, sondern führen auch zu vielen neuen Formen zerstörerischer und selbstzerstörerischer Gewalt – von Selbstmord über häusliche Gewalt bis hin zu Kriminalitätssucht;
3) Der Schmerz und die Angst, die durch traumatische Erlebnisse wie Krieg, Konflikt und Migration verursacht werden, führen zu schweren psychologischen Herausforderungen und den oben genannten Arten von (selbst-)zerstörerischen Prozessen sowohl bei denen, die sie erleben (insbesondere, wenn sie Kinder sind), aber auch in den kommenden Generationen (durch generationenübergreifende Übertragung) (siehe van der Kolk 2018).

Wir wissen, dass jedes Individuum, jede Familie in dieser Weltregion unter vergangenen Kriegen, Migrations- und Gewalterfahrungen gelitten hat. In Bezug auf den Kreislauf der Gewalt, auf den uns die Traumastudien aufmerksam machen, leben wir in einer herausfordernden, verletzlichen Gegend. Als Tochter einer Mutter, deren Familie aus Jugoslawien auswandern musste, und als Enkelin einer Familie väterlicherseits, die die Narben der vergangenen Kriege zwischen den Generationen vom Ersten Weltkrieg bis zum Koreakrieg verkörperte, habe ich die letzten 20 Jahren damit verbracht, diese Gewaltzyklen zu verstehen und sie zu durchbrechen.

In jedem Buch, Artikel und Essay, den ich schrieb, in jedem Vortrag, den ich in diesen 20 Jahren hielt, versuchte ich, die schweren Folgen von Gewalt sichtbar zu machen und die Möglichkeiten einer gewaltfreien Gesellschaft und von gewaltfreier Politik, Schulen, Familien, Beziehungen und Partnerschaften zu erforschen und zu teilen. Ich habe nicht nur kein Wort ausgesprochen, das Gewalt übertragen, ermutigt oder legitimiert hat, ich habe auch keine Erklärung mit solchen Inhalten unterzeichnet.

Ich unterzeichnete die Erklärung „Wir beteiligen uns nicht an diesem Verbrechen“, weil dieser Text alle aufforderte, nach friedlichen Lösungen für die Probleme zu suchen, mit denen wir konfrontiert waren, und die Regierung, die mich als Bürgerin vertritt, an ihre Verantwortung erinnerte, nach nationalem und internationalem Recht zu handeln.

Was wir in den letzten Tagen des Jahres 2015 gesehen haben, deutete auf eine alarmierende Richtung in Bezug auf die Gegenwart und Zukunft der Türkei hin. In der Tat haben die in den letzten drei Jahren von nationalen und internationalen Menschenrechtsorganisationen veröffentlichten Berichte diese Bedenken bestätigt (siehe Office of the United Nations High Commisioner for Human Rights, 2017).

Ich habe die Erklärung “Wir beteiligen uns nicht an diesem Verbrechen“ aus einem Gefühl der Verantwortung heraus, das ich als Bürgerin und Forscherin, die sich jahrelang mit Traumata beschäftigt hat, für eine friedliche Zukunft habe, die ein Grundbedürfnis für uns alle ist.

Im Rahmen der in der Verfassung und der Europäischen Menschenrechtskonvention garantierten Meinungsfreiheit betrachtete ich diese Erklärung als einen Text, der eine demokratische Warnung verkörperte, und Schritte hin zu Frieden und der Umsetzung nationalen und internationalen Rechts forderte.

Ich habe diese Erklärung unterschrieben, weil ich der Meinung war, dass die türkische Regierung und der türkische Staat dazu in der Lage wären, alle Probleme auf der Grundlage des Respekts für die Menschenrechte aller Bürger zu lösen, und diesen Verlauf der Ereignisse beenden könnten, deren traumatische Folgen Jahre brauchen werden, um zu heilen.

Ich habe sie unterschrieben, weil ich glaubte, dass die Einhaltung der Normen des nationalen und internationalen Rechts, wie in der Erklärung gefordert, unsere Gesellschaft demokratischer und friedlicher machen würde.

Wir wissen, dass Gerechtigkeit das wesentliche Element eines demokratischen Regimes ist, und auch eine zentrale Rolle für die Mechanismen der Bewältigung spielt. Um die von einer Generation auf die nächste übertragenen Traumata zu heilen, und um die Kreisläufen der Gewalt zu durchbrechen, unter denen wir gelitten haben, brauchen wir mehr denn je eine wiedergutmachende Rechtsprechung. Ich glaube, dass jeder, der im Bereich von Recht und Gerechtigkeit tätig ist, das Potenzial hat, einen großen Beitrag dafür zu leisten, diese Zyklen von Trauma und Gewalt zu brechen.

Ich kenne nicht nur die Namen der in der Erklärung zitierten Personen nicht und weiß nicht, was sie gesagt haben, ich würde auch die Unterstellung, dass ich diesen Text – oder irgendeinen anderen – aufgrund der Erklärungen oder Anweisungen anderer Personen unterzeichnet hätte, als Beleidigung betrachten. Was meine bisherige Forschung, und mein Dasein in diesem Leben, bislang geprägt hat, ist die Überzeugung, dass jedes Individuum einzigartig ist. An der Universität, aber auch außerhalb, habe ich daran gearbeitet, Räume für Menschen zu öffnen, damit sie ihre einzigartige Kreativität, ihren freien Willen und ihre Unterschiede ausdrücken können.

Ich lehne die Behauptung kategorisch ab, dass das Unterschreibung der Erklärung „Wir beteiligen uns nicht an diesem Verbrechen“ einen Akt der „Propaganda für eine terroristische Organisation“ darstellen würde. Im Gegenteil, ich betrachte ihn als einen Akt des Gewissens für eine friedliche Zukunft, die von Gewaltlosigkeit, Demokratie und Menschenrechten geprägt ist, eine Zukunft, die jedes Individuum in diesen Landen (und in der ganzen Welt) dringend braucht.

Referenzen

Altınay, Ayşe Gül ve Yeşim Arat. 2007. Türkiye’de Kadına Yönelik Şiddet. İstanbul: Punto.

Van der Kolk, Bessel A. 2018. Beden Kayıt Tutar: Travmanın İyileşmesinde Beyin, Zihin ve Beden. Çev. Nurdan Cihanşümül Maral. İstanbul: Nobel Yaşam. (The Body Keeps the Score: Brain, Mind, and Body in the Healing of Trauma, Penguin Books, 2015)

Office of the United Nations High Commissioner for Human Rights. 2017 (February). “Report on the human rights situation in South-East Turkey: July 2015 –December 2016.” https://www.ohchr.org/Documents/Countries/TR/OHCHR_South-East_TurkeyReport_10March2017.pdfAyşe Gül Altınay’s Second Statement in Court –May 21, 2019

Ayşe Gül Altınays zweite Aussage vor Gericht – 21. Mai 2019

Altınays Aussage auf Türkisch finden Sie auf bianet.org.

Jedes Individuum, jede Familie, die in dieser Gegend lebt, hat unter vergangenen Kriegen, Migrationen und Gewalterfahrungen gelitten. In Bezug auf den Kreislauf der Gewalt, auf den uns die Traumastudien aufmerksam machen, leben wir in einer schwierigen, verletzlichen Gegend.

Doch was wir aus diesen schmerzlichen Erfahrungen machen, liegt an uns …

Werden wir unsere Schmerzen in mehr Gewalt, Hass, Schmerz und Ungerechtigkeit umwandeln oder in Richtung von Leben, Schönheit, Liebe, Frieden und Gerechtigkeit?

Dies ist die Hauptfrage, die meine Arbeit und mein Leben prägt. Ich bin der festen Überzeugung, dass wir alle neue Schritte unternehmen können, um die von einer Generation zur anderen übertragenen Traumata zu heilen und aus den Kreisläufen der Gewalt auszubrechen, die wir durchleben.

Zur Person

Ayşe Gül Altınay ist Professorin für Anthropologie und Direktorin des Exzellenzzentrums für Gender- und Frauenstudien an der Sabancı-Universität. Sie erhielt 2001 ihren Doktortitel in Kulturanthropologie mit einem Zertifikat für Genderstudien von der Duke University und war seit 2009 stellvertretende Herausgeberin des European Journal of Women’s Studies. 2012 war sie Marie Jahoda-Gastprofessorin für Internationale Geschlechterforschung an der Ruhr-Universität Bochum. Außerdem war sie Visiting Faculty Fellow im Rahmen der Arbeitsgruppe „Women Mobilizing Memory“ am Columbia University Center for the Study of Social Difference (2014-2016) und Forscherin an der Gemeinsamen Akademischen Initiative der Central European University und der Sabancı University zu geschlechtsspezifischen Erinnerungen an Krieg und politische Gewalt (mit Andrea Petö, 2011-2015).

An der Sabancı Universität hat sie an der Entwicklung der Kulturwissenschaftlichen Studiengänge (BA und MA), dem PhD-Programm in Gender Studies, dem Gender Forum und SU Gender, und am Komitee zu sexueller Belästigung mitgewirkt. Altınays Arbeiten konzentrierten sich auf Militarismus, Nationalismus, Gewalt, Erinnerung, Geschlecht und Sexualität.

Zu ihren Büchern gehören: The Myth of the Military-Nation: Militarism, Gender and Education (Palgrave Macmillan, 2004); Ebru: Reflections on Cultural Diversity in Turkey (Metis, 2007, mit Attila Durak);Violence Against Women in Turkey: A Nationwide Survey (Punto, 2008, mit Yeşim Arat); The Grandchildren: The Hidden Legacy of Lost Armenians in Turkey (Transaction, 2014, with Fethiye Çetin, übers. Maureen Freely), Gendered Wars, Gendered Memories: Feminist Conversations on War, Genocide and Political Violence (Routledge, 2016, mit Andrea Petö), und der in Druck befindliche Sammelband Women Mobilizing Memory (Columbia University Press, 2019, herausgegeben mit Maria Jose Contreras, Marianne Hirsch, Jean Howard, Banu Karaca and Alisa Solomon).

Ihr Buch mit Yeşim Arat, Türkiye’de Kadına Yönelik Şiddet (Gewalt gegen Frauen in der Türkei) wurde 2008 mit dem PEN Duygu Asena Award ausgezeichnet.