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  • Chandra Talpade Mohanty zu Besuch in Frankfurt -
    Auf den Spuren von Kolonialismus und Repression

Foto: Marianne Schmidbaur.
Im Dezember 2015 folgte Chandra Talpade Mohanty dem Ruf auf die Angela Davis Gastprofessur für internationale Gender- und Diversity Studies des Cornelia Goethe Centrums an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Ein Teil des Besuches von Chandra Talpade Mohanty beinhaltete die Auseinandersetzung mit zivilgesellschaftlichen Initiativen, die eine kritische Perspektive auf die Stadt Frankfurt einnehmen. Zwei Stationen waren hier der postkoloniale Stadtrundgang und ein Besuch im ehemaligen Polizeigefängnis Klapperfeld. Beide Initiativen verkörpern das Anliegen Mohantys, Aktivismus und kritische Theorie zu vereinen, auf besondere Art und Weise.

Die Gruppe ‚Frankfurt Postkolonial‘ hat sich Anfang 2015 neu zusammengesetzt und beschäftigt sich mit den lokalen Frankfurter Spuren der deutschen Kolonialgeschichte. Im Mittelpunkt steht dabei ein Stadtrundgang der verschiedene Stationen besucht, die die (Nicht-)Aufarbeitung und (Nicht-)Erinnerung der deutschen Gesellschaft mit ihrer Kolonialgeschichte exemplarisch darstellen. Der Rundgang führt an Orte, an denen verschiedene Formen solcher Bezüge beispielhaft aufscheinen. Somit traf sich eine kleine Gruppe um Chandra Talpade Mohanty am 11. Dezember 2015 vor dem Kindermuseum an der Frankfurter Hauptwache, um dort eine Station des postkolonialen Stadtrundgangs in Augenschein zu nehmen. Im Foyer dieses Museums befindet sich ein Kolonialwarenladen, in dem Schulklassen spielen können, ohne aber Kolonialismus selbst zum Thema zu machen. Kinder können zwar lernen, dass Waren aus verschiedenen Weltregionen kamen, erfahren allerdings nichts über den Ausbeutungscharakter des kolonialen Warenhandels. Anders als eine auf Vollständigkeit abzielende Stadtführung will der postkoloniale Stadtrundgang mit solchen Plätzen koloniale Spuren in Frankfurt, welche einen Teil der deutschen Gegenwart darstellen, thematisieren, um so ein Bewusstsein für in der kolonialen Vergangenheit gewachsenen, heute teilweise fortbestehenden Machtasymmetrien herzustellen. Chandra Talpade Mohanty zeigte reges Interesse und konnte durch ihre postkoloniale Brille, die sie vor allem in Bezug auf die Verknüpfung von Feminismus und post-koloniale Zusammenhängen selbst stark geprägt hat, die Stationen reflektieren. Ein großes Anliegen ihrer Arbeit ist darüber hinaus auch der pädagogische Anspruch kritischer Perspektiven, um so nämlich den Versuch zu unternehmen, Kritik praxisbezogen und annehmbar zu gestalten, um so mehr Menschen erreichen zu können. In einem langen Gespräch hat sie die Vertreter_innen des postkolonialen Stadtrundgangs an ihrem Ansatz teilhaben lassen und dazu inspiriert, noch mehr Menschen für die kolonialen Verflechtungen ihrer Umgebung zu sensibilisieren. In einem Treffen zur Nachbereitung diskutierte sie mit Vertreter_innen des Rundgangs unter anderem über pädagogische Möglichkeiten, die Teilnehmenden noch mehr in den Stadtrundgang einbinden zu können.

Besucher_innen der Daueraustellung; Quelle: klapperfeld.de
Anschließend war die Gruppe auch im Klapperfeld zu Besuch, wo Aktivist_innen durch die verschiedenen Ausstellungen führten. Die Initiative ‚Faites votre jeu!‘ will die über 100-jährige Repressionsgeschichte des ehemalige Polizeigefängnisses im Zusammenhang mit ihrer gesellschaftlichen Wirklichkeit und kapitalistischer Entwicklung kritisch thematisieren. Ein Teil der Dauerausstellung setzt seinen Schwerpunkt auf die nationalsozialistische Vergangenheit des Gefängnisses und dessen Nutzung durch die Frankfurter Polizei und Gestapo in den Jahren 1933 bis 1945. Unter anderem informiert die Ausstellung mit 76 Kurzbiografien über die Lebenswege einzelner Inhaftierter und ihre Verfolgung im Nationalsozialismus. Im Obergeschoss des Gebäudes wird ein anderer Aspekt der Geschichte des Gebäudes beleuchtet: die Nutzung als Abschiebegefängnis bis ins Jahr 2002. Dabei können die Besucher_innen selbst durch die Einzel- und Sammelzellen gehen und die Inschriften der ehemaligen Insassen begutachten. Die Ausstellung zeigt über 1000 Botschaften aus fünf Jahrzehnten auf Wänden, Decken, Tischen und Stühlen, welche mit Stiften, Dreck, Zigarettenglut und Kerzenflammen in über 30 Sprachen verfasst wurden. Chandra Mohanty zeigte sich sichtlich beeindruckt vom Konzept der Ausstellung und dessen Wirkung auf die Besucher_innen. In der Verbindung zu theoretischen Überlegungen über Migrationspolitik und Border Regimes wird so auch die Realität der Abschiebepraktiken und die Hoffnungen und Enttäuschungen der Menschen, die sie betreffen, deutlich. Viele der Fotos von dem Rundgang in Frankfurt wolle Mohanty in Zukunft auch in ihren Seminaren nutzen, um den Studierenden die materielle Ebene verdeutlichen zu können.

Mit ihrem Besuch hat Chandra Talpade Mohanty die kritische Auseinandersetzung mit der Frankfurter Geschichte durch die vorgestellten Projekte gewürdigt. Für beide Seiten war es ein konstruktiver und bereichernder Austausch, der sowohl in die Arbeit der Initiativen als auch in die Seminare von Professorin Mohanty einfließen wird.

Frankfurt Postkolonial führt auf Anfrage Stadtrundgänge für Gruppen durch, außerdem findet ein Rundgang im Rahmen der Reihe ‚Kritische Stadtrundgänge in Frankfurt und Offenbach: Perspektivenwechsel‘, welche vom EPN Hessen organisiert wird, statt.
http://frankfurt.postkolonial.net/

Die Ausstellungen im Klapperfeld können während der öffentlichen Veranstaltungen im ehemaligen Polizeigefängnis besucht werden, außerdem sind sie jeden Samstag von 15 bis 18 Uhr geöffnet. Weitere Termine für einen Besuch – insbesondere mit Gruppen oder Schulkassen – können gerne telefonisch 0163 9401683 oder per E-Mail info@klapperfeld.de mit dem »Arbeitskreis Geschichte« vereinbart werden.
http://www.klapperfeld.de/

Autorinnen: Frauke Katharina Eckl und Mirjam Tutzer

Zellen im ehemaligen Polizeigefängnis Klapperfeld; Quelle: klapperfeld.de

 

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