Cornelia Goethe Centrum

Nachwuchswissenschaftler*innen im Gespräch zur Eröffnung des GRADE Centers Gender

Teil der Eröffnungsveranstaltung des GRADE Centers Gender am 21.06.2017 war eine Gesprächsrunde, die von Dr. Marianne Schmidbaur, der wissenschaftlichen Geschäftsführerin des Cornelia Goethe Centrums, moderiert wurde.

Sie sprach mit Promovierenden, die schon von den Angeboten des GRADE Centers Gender profitiert hatten und Prof. Birgit Blättel-Mink, einer der Antragsteller*innen des GRADE Centers Gender.

Simone Rassmann ist seit einem Jahr wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie an der Professur für Soziologie und Psychoanalytische Sozialpsychologie

Sarah Schmitz ist seit letztem Herbst wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Birgit Blättel-Mink an der Professur für Industrie- und Organisationssoziologie

Matthias Schneider promoviert am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften und ist nicht institutionell angebunden

Birgit Blättel-Mink ist Professorin für Industrie- und Organisationssoziologie am Fachbereich Gesellschaftswissenschaften, im Vorstand von GRADE und gehört zu den Antragsteller*innen von GRADE Gender

Was und wo haben Sie vor Ihrer Promotion studiert?

Simone Rassmann: Ich habe in Göttingen meinen BA gemacht und da auch schon Soziologie und Geschlechterforschung studiert. In Frankfurt habe ich dann meinen Master in Soziologie mit dem Schwerpunkt Psychoanalytische Sozialpsychologie gemacht.
Sarah Schmitz: Ich habe in Köln meinen Bachelor gemacht. Da musste man die Geschlechterforschung noch mit der Lupe suchen. Das war damals in Frankfurt ja schon ganz anders. Nach meinem BA bin ich nach Frankfurt gekommen.
Matthias Schneider: Ich habe in Jena mein Soziologie Studium mit Wirtschaftswissenschaften im Nebenfach begonnen. Zuerst war ich sehr uninteressiert an Geschlechterforschung. Erst durch eine Lebenspartnerin, die sowohl feministisch als auch hochschulpolitisch sehr aktiv war, hat sich dann gegen Ende meines BA dieses Interesse entwickelt. Für den Master bin ich nach Bamberg, was nicht grade die Hochburg für Geschlechterforschung ist. Dort hatte ich aber die Möglichkeit für ein Jahr nach Kopenhagen zu gehen und die sind stark in Geschlechterforschung. Am Anfang habe ich mich viel damit beschäftigt, was Männer überhaupt in feministischer Praxis, feministischer Theoriebildung machen können, und bin dann auf den Bereich der Männer- und Männlichkeitenforschung gestoßen. Darüber habe ich dann auch meine Masterarbeit geschrieben und mir wurde bewusst, dass das so eine Leidenschaft von mir geworden ist. Mir war auch direkt klar, dass ich das auch für meine Promotion machen möchte. Aber nicht in Bamberg.
Birgit Blättel-Mink: Ich habe in Heidelberg promoviert und zu meiner Zeit gab es so etwas wie Gender Studies nicht, da ging es vor allem eher darum, wie man Frauen in der Wissenschaft fördert. Die Frauenbeauftragte damals an der Universität Heidelberg war eine Medizinerin, die zu mir gesagt hat: “Wissen Sie, ich habe fünf Kinder und bin Professorin- man kann es also schaffen.“ Das war eine ganz individualisierte Geschichte. Sie hatte einen bildungsbürgerlichen Hintergrund, der Partner war auch Professor, Geld für die Kinderversorgung war also genug da. Das galt und gilt noch heute bei weitem nicht für alle Frauen.

Womit beschäftigen Sie sich in Ihrer momentanen Forschung?

Simone Rassmann: Ich bin noch in den Überlegungen, was die Fokussierung in meiner Dissertation ist. Grob soll es um Erzählungen von Teilnehmerinnen aus Frauen-Selbsthilfegruppen mit dem Themenschwerpunkt psychische Belastungen gehen.
Sarah Schmitz: In meiner Dissertation werde ich mich, wahrscheinlich, ich stehe nämlich auch noch total am Anfang – das Exposé ist noch nicht fertig – mit Commons Ökonomie
beschäftigen. Das bedeutet mit einer Form alternativen Wirtschaftens, in der es darum geht, dass Güter und Prozesse vergemeinschaftet werden. Insbesondere auch mit der Frage, in welcher Form Subjekte und marginalisierte Subjekte, also Frauen oder LGBTs, in diesem Zusammenhang eine Rolle spielen und inwiefern ihre Lebensweise und ihre Lebensform eine andere Form von Gemeinschaft konstituiert. Das ist grob die Richtung.
Matthias Schneider: Ich promoviere zum Thema Männlichkeit, Identität und Flucht.
Gesellschaftspolitisch werden geflüchtete Männer immer als sehr deviante, gewaltvolle Masse dargestellt. Es werden wenige Individualgeschichten betrachtet und es heißt immer „der geflüchtete Mann“, obwohl es diesen geflüchteten Mann nicht gibt. In der Männer-, Männlichkeiten- und Fluchtforschung ist schon ziemlich lange klar, dass da viele Intersektionen zusammenwirken, aber trotzdem gibt es auch dort noch blinde Flecken. Oft wird noch davon ausgegangen, dass so etwas wie Männlichkeit in der Flucht aufbricht. Also wird davon ausgegangen, dass es davor etwas gab, was einen Mann ausgemacht hat: eine Erwerbsarbeit, eine Stellung in der Familie usw.
Ich gucke mir das Land Eritrea an, weil es da seit über 20 Jahren eine Einparteien Diktatur gibt. Junge Männer können dort keinen eigenen Lebensunterhalt erwirtschaften, keine Familien gründen und nicht sozial am Leben teilhaben. Da ist die Frage, wie konstruieren Männer, die aus Eritrea fliehen, in der Erzählung ihrer Lebensgeschichten, in ihren Biografien, überhaupt Identität.
Birgit Blättel-Mink: Wir haben uns z.B. mit Leihopas auseinandergesetzt und gefragt, warum wird jemand zu einem Leihopa, also im Vergleich zu Leihomas. Wir haben Männlichkeitsforschung betrieben und die Praxis der Leihopaschaft untersucht. Was wir noch machen, ist zu fragen, wie es bestimmten Gruppen von Frauen an der Universität geht. Wir haben den Wandel im Beruf der Sekretärinnen untersucht, auch auf Initiative des Arbeitskreises „Sonstige“, wie er damals noch hieß, also der Sekretärinnen an der Goethe Universität. Das hat relativ viel Beachtung gefunden, ist also ein Thema das tatsächlich immer noch sehr unter den Nägeln brennt, vor allen Dingen bezüglich sozialer Anerkennung, Wertschätzung – jetzt kann auch unser Vizepräsident zuhören – die sich unter Umständen in der Gehaltssituation von Sekretärinnen ausdrückt. Wobei wir in Frankfurt besser dastehen als an vielen anderen Universitäten in Deutschland. Wir haben uns des Weiteren mit der Frage auseinandergesetzt, warum sich so wenige Frauen in Leitungspositionen an Hochschulen finden. Meine Doktorandin Mandira Lamichhane schließlich kommt aus Nepal und promoviert zu einem Thema, was auch in der Nachhaltigkeitsforschung relevant ist, nämlich zur Vulnerabilität von Frauen im Kontext von Klimawandel.

Haben Sie schon Erfahrungen mit universitären Vernetzungsgruppen gemacht?

Simone Rassmann: Seitdem ich angefangen habe mir Gedanken über die Promotion zu machen, habe ich festgestellt, dass es sehr viel Sinn macht, sich mit anderen zu vernetzen und auszutauschen. Deshalb bin ich seit Anfang des Jahres zusammen mit Matthias auch in der Doc AG Gender Studies, die allerdings noch nicht offiziell gegründet ist, „Initiative“ wird sie heißen. Wir treffen uns jeden Monat und tauschen uns darüber aus, was grade unsere Probleme im Promotionsprozess sind. Oder wir geben uns gegenseitig unsere Texte oder kleine Textausschnitte zum Lesen. Über die gucken wir dann auch mit der Perspektive auf Gender.
Matthias Schneider: Durch mein Universitäten-Hopping ist das mit der Anbindung ein bisschen schwierig geworden. Das habe ich jetzt mit Simone in unserer Doc AG gefunden und suche das auch noch weiterhin.
Sarah Schmitz: Ich habe mal in einem Projekt mitgearbeitet, in dem es um Frauen als Familienernährer*innen ging, da konnte ich auch daraus schöpfen, dass es einen breiten Pool an Geschlechterforschung und einfach sehr viele Personen gibt, die sich damit auseinandersetzen.
Birgit Blättel-Mink: Wir haben uns damals gegenseitig gefördert, indem wir einen interdisziplinären Arbeitskreis gegründet haben. Wir haben dann ein Institut für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung in Heidelberg gegründet, was aber lange nicht so erfolgreich war wie das CGC und heute im Grunde genommen nur noch auf dem Papier existiert.

Wie sind Sie zum GRADE Center Gender gekommen?

Simone Rassmann: Ich habe unter anderem am CGC Zertifikatsprogramm teilgenommen, deswegen habe ich schon Anknüpfungspunkte zum GRADE Center Gender. Ansonsten habe ich in diversen anderen Bereichen mit dem Thema Gender zu tun, ich bin z.B. auch im Gleichstellungsrat tätig. Vom Gründungsprozess des Grade Center Gender habe ich erfahren, weil ich am GCG Workshop von Phil Langer zu partizipativer Forschung teilgenommen habe.
Sarah Schmitz: Ich habe über mehrere Semester das CGC Colloquium besucht und auch viele Veranstaltungen im Masterprogramm gemacht, unter anderem über unterschiedliche Formen von Frauen und Geschlechterforschung im historischen Abriss. Daraus schöpfe ich jetzt auch für meine Dissertation.
Matthias Schneider: Ich habe den einen Workshop besucht, das GRADE Center Gender get together für early career researcher und habe da gemerkt, auch wenn man aus ganz unterschiedlichen Disziplinen kommt, sehr international und interdisziplinär ist, findet man ganz schnell ähnliche Perspektiven, an denen man gewinnbringend anknüpfen und gemeinsam neue Konzepte entwickeln kann.

Was erhoffen Sie sich vom GRADE Center Gender? Oder was wünschen Sie dem GRADE Center Gender zum Geburtstag?

Sarah Schmitz: Was ich hoffe ist einfach eine Rückenstärkung durch das Center zu bekommen, auch im Promotionsprozess. Herausforderungen hat man an jeder Stelle, aber grade dieses: wie starte ich? Wie mach ich dann weiter? Was ist, wenn eine Durststrecke ist? Oder so etwas wie Methodenwahl- dass man sich einfach mal mit Personen vernetzen kann, die schon Erfahrung haben. Das finde ich auch sehr reizvoll, dass Personen in unterschiedlichen Stadien zusammenkommen.
Was ich dem Center wünsche sind lebhafte Diskussionen, ganz viele verschiedene Frauen-, Geschlechter-, Queer- Studies Strömungen, Männlichkeitsforschung, zusammenzubringen, in Diskussion zu bringen. Dass tatsächlich offen debattiert wird, unvoreingenommen, dass man sich gegenseitig inspirieren kann. Ich glaube, es ist häufig beim Promovieren so, dass man irgendwann anfängt nur noch auf das eigene Thema zu schauen. Und da nochmal das Potential zu nutzen von einem Austausch, das fände ich gut. Was ich mir wünsche ist vielleicht auch die Möglichkeit ins Ausland zu gehen oder Leute aus dem Ausland hier hinzuholen, also einen internationalen Austausch. Das ist letztlich immer auch eine Geldfrage, die aber natürlich nicht irrelevant ist.
Simone Rassmann: Ich finde die Methodenworkshops, die angeboten werden, ziemlich sinnvoll. In verschiedensten Phasen der Promotion. Insbesondere Reflexionsworkshops, die dezidiert mit einem feministischen oder geschlechtersensiblen Anspruch gestaltet sind, würde ich mir wünschen. Davon könnten auch Promovierende, die nicht direkt Kontakt mit Geschlechterforschung haben, profitieren. Außerdem fände ich toll, durch Vernetzungsveranstaltungen die Möglichkeit zu bekommen, andere Promovierende kennenzulernen, die Interesse an z.B. Interpretationsgruppen hätten, also daran wie man empirisches Material gemeinsam mit einem spezifischen Fokus interpretiert, eben mit einem geschlechtersensiblen bzw. feministischen Fokus.
Matthias Schneider: Ich kann mich in allen Punkten nur anschließen. Da kann ich nur mitgeben, dass auch mit den schon etablierten Netzwerken Kooperationen und tolle Projekte geschaffen werden könnten. Ich würde mir außerdem wünschen, dass auch durch internationale Kooperationen Irritationen geschaffen werden könnten, um dazu anzuregen, eine andere Perspektive einzunehmen. Was GRADE Gender auch machen kann, ist über berufliche Perspektiven zu informieren. Also von anderen Leuten zu erfahren, die irgendwie schon weiter sind, wie die es gemacht haben, was deren „best practice“ war. Auch wenn es für mich persönlich noch ein weiter Weg ist, ist es schön Rollenvorbilder zu haben, an denen man sich orientieren kann.
Birgit Blättel-Mink: Ich nehme ja die andere Seite ein, die der Supervisorin. Wir haben damals am IPC, einer Graduiertenschule bei uns am Fachbereich, selbst Workshops besucht. Das heißt, wir haben uns zusammen getan und reflektiert, welche Phasen in der Qualifikation, in der Abfassung einer Dissertation können wir identifizieren und welche Rolle spielen wir eigentlich dabei. Und es war schon sehr interessant, weil wir davor dachten, dass jeder das so für sich macht und alles gut ist. Aber wir haben viel gelernt und deshalb wünsche ich mir, dass solche Workshops angeboten werden, dass ein interdisziplinärer Austausch zwischen den Betreuerinnen und Betreuern von Dissertationen stattfindet, die sich so gegenseitig befruchten können. Nicht nur was die Interdisziplinarität, sondern auch und vor allem was die Betreuungssituation betrifft.
Das zweite wäre: wir müssen uns bemühen, Stipendien zu akquirieren. Es genügt nicht, nur Workshops zu finanzieren und vielleicht mal den ein oder anderen Gast aus dem Ausland hier zu haben, sondern wir wollen auch Doktorand*innen aus Mitteln, die wir akquiriert haben, finanzieren können.

Weitere Informationen und Bilder zur Eröffnungsveranstaltung des GRADE Centers Gender finden Sie hier.

Inhalt