Cornelia Goethe Centrum

Ungleiche Überlastungen: Who Cares in Times of Crisis?

Sarah Speck

Dass die mit dem ‚Lockdown’ verbundenen Maßnahmen zur Eindämmung des Virus SARS-CoV-2 für die ganze Bevölkerung große Entbehrungen und Einschränkungen bedeutet, wurde politisch bereits früh adressiert. Welche Zusatzbelastungen alltäglich dadurch entstehen und wer diese schultert, wurde hingegen kaum thematisiert. Aus Perspektive der Geschlechterforschung zeichnete sich das Bild dessen, was erste Studien nun auch belegen können, bereits ab [1]: Der verordnete Rückzug ins Private bedeutet eine immense Mehrarbeit in den Haushalten, die mehrheitlich von Frauen gestemmt wird. Das Homeschooling und die ganztägige Betreuung von Kindern in räumlicher Enge – in den unterschiedlichen Altersgruppen mit verschiedenen Herausforderungen verbunden – bilden nur einen Teil davon. Es müssen viel mehr Mahlzeiten eingekauft und vorbereitet werden, die für viele ohnehin zu geringen Wohnflächen werden intensiver genutzt und müssen entsprechend aufgeräumt und gereinigt werden etc. Alleinerziehende ebenso wie Mehr-Eltern-Familien erfahren in dieser Situation ganz konkret die Bedeutung dessen, was die soziologische Geschlechterforschung in den letzten Jahrzehnten beleuchtet hat: Reproduktions- und Sorgearbeit wurde im Zuge verschiedener ineinandergreifender Prozesse gesellschaftlichen Wandels in den letzten Dekaden zu einem großen Teil ausgelagert. Wenn all die außer Haus eingenommenen Mahlzeiten und Kaffees ausfallen, wenn jenseits der Schule das ganze Setting an außerfamiliärem Kinderprogramm wegfällt und sogar Spielplätze geschlossen bleiben, wenn weder bezahlte noch unbezahlte Unterstützung (etwa durch Großeltern oder Freund*innen) in Anspruch genommen werden kann und die alltäglichen Sorgenetzwerke über verschiedene Haushalte hinweg gekappt werden, entsteht ein gewaltiger Berg an Arbeit zur Aufrechterhaltung des Alltags. Darüber, dass dieser zu ungleichen Teilen abgetragen wird, findet erst seit kurzem eine Verständigung in der Öffentlichkeit statt. In heterosexuellen Kleinfamilien sind es insbesondere die Frauen, die den Löwinnenanteil übernehmen – teils als von Eltern angenommener ‚Automatismus’, da sie meist diejenigen sind, die in Teilzeit arbeiten und ihr Job als weniger dringlich erachtet wird, teils aufgrund inkorporierter Muster und latenter Geschlechtererwartungen, die auch bei sich selbst als gleichberechtigte Paarbeziehung verstehenden Eltern wirksam sind. Es sind insbesondere die Frauen, die ihre Arbeit zurückstellen oder in die späten Arbeitsstunden verlagern. Was das für Berufslaufbahnen und Karriereverläufe bedeutet, kann man sich beispielhaft an der Verlautbarung der Herausgeber*innen internationaler Fachzeitschriften im April vergegenwärtigen, denen zufolge seit Ausbruch der Pandemie mehr Einreichungen von Männern und signifikant weniger Einreichungen von Frauen vermerkt wurden [2]. Während es durch die Absage von Konferenzen und Präsenzveranstaltungen bei vielen männlichen Kollegen zu einem Produktivitätsschub gekommen ist, bedeutet der Lockdown für viele Wissenschaftlerinnen das Gegenteil: kaum konzentrierte Arbeitsstunden mehr angesichts der Erfordernisse durch die anfallenden Sorgearbeiten. Die Maßnahmen bedeuten damit nicht nur temporäre Belastungen für Frauen. Während der ‚Lockdown’ für viele Folgen in ihren Berufs- und Karriereverläufen haben wird, bedeutet er für diejenigen, deren Jobperspektive, da sie in ‚systemrelevanten’ Berufen arbeiten, ausnahmsweise gesichert erscheint, einen Mehraufwand am Ende eines derzeit besonders belasteten Arbeitstages. Ausgelaugt fühlen sich am Ende des Tages alle – Zeit zur Erholung gibt es nicht mehr.

Wie ein Theaterstück inszeniert Corona das, was die feministische Gesellschaftstheorie der letzten Dekaden immer wieder hervorgehoben hat: Eine der verborgenen Grundlagen unserer kapitalistischen Gesellschaften ist die unentlohnte oder entlohnte, aber abgewertete Sorgearbeit für Menschen aller Altersgruppen – ohne sie geht es nicht. Während einige dieser Tätigkeiten zumindest als ‚systemrelevant’ markiert wurden – was weit davon entfernt ist, ihnen tatsächlich auch eine bessere monetäre Anerkennung zukommen zu lassen – werden andere durch den verordneten Rückzug ins Private erneut dethematisiert und an diejenigen delegiert, die sie qua Geschlechterordnung übernehmen. Die Selbstverständlichkeit dieser Muster führt auch jetzt zu einer Dethematisierung – die Konsequenzen der Aufforderung #stayathome blieben weitgehend unberücksichtigt. Das gilt für die im Privathaushalt geleisteten Arbeiten ebenso, wie für die Zunahme häuslicher Gewalt.

Sarah Speck ist Professorin für Soziologie mit dem Schwerpunkt Frauen- und Geschlechterforschung an der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Gemeinsam mit ihrem Team forscht sie gegenwärtig zur „Neu-Ordnung des Privaten“ unter Bedingungen der Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Virus SARS-CoV-2.

[1] Vgl. Bettina Kohlrausch, Aline Zucco: Corona trifft Frauen doppelt – weniger Erwerbseinkommen und mehr Sorgearbeit, WSI Policy Brief Nr. 40, Mai 2020 sowie die Ergebnisse der Studie von Mareike Bünning, Lena Hipp und Stefan Munnes vom Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung, https://wzb.eu/de/pressemitteilung/erwerbsarbeit-in-zeiten-von-corona. Seit Ende März erhebe ich gemeinsam mit meinem Team qualitative Daten zur Alltagsführung in der Corona-Krise. Unsere interviewbasierte Studie fokussiert dabei insbesondere auch Fragen der Arbeitsteilung in Familien und mehrköpfigen Haushalten.
[2] Flaherty, C. (2020) No room of one’s own, https://www.insidehighered.com/news/2020/04/21/early- journalsubmission-data-suggest-covid-19-tanking-womens-research-productivity; Zugriff am 20 Mai 2020; https://www.theguardian.com/education/2020/may/12/womens-research-plummets-duringlockdown- but-articles-from- menincrease?wt_zmc=nl.int.zonaudev.zeit_online_chancen_w3.m_18.05.2020.nl_ref.zeitde.bildtext.link.20 2005 18&utm_medium=nl&utm_campaign=nl_ref&utm_content=zeitde_bildtext_link_20200518&utm_source=z eit_online_chancen_w3.m_18.05.2020_zonaudev_int

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