Cornelia Goethe Centrum

24-Stunden-Pflege im Sperrmodus: Care-Migration in Zeiten von Covid 19

Helma Lutz

‚Die Flucht der Pflegekräfte‘ (Süddeutsche Zeitung 3.4.2020) oder ‚Frau K. kann nicht rein‘ (Zeitonline 30.3.2020) – so betiteln deutsche Tageszeitungen den Pflegenotstand in der sogenannten 24Stunden Betreuung. Der Verband für häusliche Betreuung und Pflege, der die Vermittlungsagenturen der Branche vertritt, unterstreicht den drohenden Kollaps des transnationalen Pflegesystems: ‚Spargel wichtiger als Oma und Opa?‘ (VHBP Pressemitteilung 21.4.2020), ‚Betreuungspersonen aus Osteuropa müssen zum Bleiben ermutigt werden‘ (Pressemitteilung VHBP 7.4.2020). Corona macht die Schwächen eines Beschäftigungsmodells sichtbar, das – vergleichbar mit der saisonalen Arbeit von Migrant*innen aus Osteuropa in der Landwirtschaft – auf die ökonomischen Asymmetrien in Europa setzt. Seit der EU-Osterweiterung werden Arbeitskräfte aus dieser Region zu Löhnen eingestellt, die weit unter dem hierzulande geltenden Mindestlohn liegen. 24-Stunden-Care verrichten heute geschätzt 500 000 Migrantinnen, die – von transnational agierenden Agenturen oder über private Netzwerke vermittelt – in deutschen Haushalten pflegebedürftige alte Menschen rund um die Uhr versorgen. Arbeitsrechtlich gesehen ist eine solche Beschäftigung hoch problematisch und doch gibt es keine Debatte über diese Arbeitsbedingungen. Stattdessen werden sie auf den Webseiten der 477 transnationalen Vermittlungsagenturen als preiswerte Lösung für die Versorgungslücke im Altenpflegebereich angepriesen. Seit der in der EU vorangetriebenen Deregulierung des Gesundheitssektors wird unter dem Stichwort ‚New Public Management‘ ein weitreichender Ökonomisierungsprozess vorangetrieben, der – getragen von der Privatisierung wohlfahrtsstaatlicher Leistungen – dazu geführt hat, dass unter dem Dach der Kostenbegrenzung der Markt in den Wohlfahrtsstaat eingezogen ist. Das in § 3 SGB XI verankerte Prinzip der Betreuung von Pflegebedürftigen folgt dem Credo ‚häuslich vor ambulant vor stationär‘ und bietet den Angehörigen ein ‚cash-for-care’ Modell an, in dem nach Pflegestufen gegliederte Gelder den 2,5 Millionen im Privathaushalt verbleibenden Betroffenen (2017) oder ihren Angehörigen überlassen, wie sie die häusliche Versorgung regeln. Dieses familialistische Modell der ‚Homecare Society‘ setzt die Bereitschaft von Angehörigen – vorrangig Frauen – voraus, diese Versorgung zu übernehmen. Es zeigte sich, dass insbesondere Pflegebedürftige, die eine Versorgung in einem Pflegeheim ablehnen, aber sich nicht auf (Schwieger-)Töchter/Söhne stützen können oder wollen, auf den Zukauf von Unterstützungsangeboten wie die Live-in-Betreuung zurückgreifen. Da die Angebote von Pflegediensten, die Arbeitszeit- und Mindestlohnbestimmungen berücksichtigen, selbst für Mittelschichtseinkommen unbezahlbar sind, weichen viele auf die Vermittlung von semi-regulären Agenturen aus, die mittel-/osteuropäische Migrantinnen als Altenbetreuerinnen anbieten. Bevorzugt wird dabei in einem mehr-wöchigen/monatigen Rotationssystem gearbeitet: die Betreuerinnen pendeln im Sechs Wochen- oder Drei Monate-Takt zwischen dem Pflege- und ihrem Herkunftshaushalt, in dem sie meist ebenfalls Care-Arbeit für ihre Angehörigen verrichten. In der Zwischenzeit organisieren sie Ersatzlösungen für die fehlende physische Anwesenheit bei der Betreuung der eigenen Kinder und Eltern, die sie vorzugsweise über digitale Medien supervisieren.

Dieses System, das sich in einer juristischen Grauzone bewegt, wurde über mittlerweile fast zwei Jahrzehnte etabliert. Die ‚24-Stunden-Polin‘ (Chrismon, 11,2006) ist zum geflügelten Begriff für das Phänomen transnationaler Care-Arbeit aus Osteuropa avanciert. Die Arbeitsbedingungen dieser Frauen wurden und werden kaum skandalisiert; stattdessen legitimiert das neoliberale Narrativ einer angeblichen Win-Win-Situation für alle Beteiligten dieses Arrangement. Auch die Corona-Krise wird nicht dazu beitragen, über angemessene Entlohnung und Arbeitsverhältnisse zu diskutieren. Corona macht jedoch deutlich, wie fragil ein Gesundheitssystem ist, das über Jahre die Ökonomisierung von Betreuung und Pflege vorangetrieben hat, transnationale ökonomische Differenzen ausnutzt, um die Kosten für die Betreuung Pflegebedürftiger zu drücken, statt in den Ausbau von guten Pflegeheimen, kommunalen Betreuungsformen und eine gute Entlohnung der Betreuerinnen zu investieren. Ist dieses Arrangement alternativlos? Der Funktionsverlust und die Steuerungsprobleme heutiger Wohlfahrtsstaaten werden hier in besonderer Weise sichtbar. Das Outsourcing von Fürsorgeverantwortung wird zum paradigmatischen Fall gegenseitigen Ausspielens von Prekaritäten verbunden mit Herrschaftsverflechtungen (Aulenbacher/ Décieux 2019) [1].

Corona illustriert, dass es zwar einem unsichtbaren Virus ohne Weiteres gelingt eine enorme Mobilität zu entwickeln, Grenzen unbemerkt zu überwinden und sich überall auf der Welt niederzulassen, dass jedoch die nationalstaatliche Antwort darauf, die Schließung der Grenzen, die Mobilität von Menschen und damit die Pendelmigration von Care-Arbeiterinnen ausbremst (siehe dazu auch die vergleichbare Situation der Care-Migrantinnen in der Schweiz und Österreich: https://ltccovid.org/2020/05/14/impact-of-the-covid-19-pandemic-on-live-in-care-workers- ingermany-austria-and-switzerland/).

Die Reaktion von deutschen Vermittlungsagenturen besteht nun darin, staatliche Sonderregelungen für diese ‚systemrelevante Gruppe‘ zu fordern, z.B. Quarantäneregelungen zu lockern. In Österreich, wo das Zirkulationssystem legalisiert ist, werden Hotels als zweiwöchige Quarantäneorte hergerichtet. Die Migrantinnen bezahlen zwar die Unterkunft und Verpflegung nicht, bekommen aber auch kein Einkommen in dieser Zeit. In Deutschland sollen Betreuerinnen ‚Anreize‘ geboten werden, nicht nachhause zurück zu kehren (s.o.). Die Migrantinnen befinden sich dann in einer Loyalitätszwickmühle: Entweder vernachlässigen sie ihre eigenen Familien oder die von ihnen betreuten Personen. Bei dieser Entscheidung werden letztlich nicht so sehr ‚rational choice‘ Überlegungen den Ausschlag geben, sondern die Frage, wie die sozialen Kosten der zurückgebliebenen Angehörigen zu minimieren sind.

Helma Lutz ist Professorin für Frauen- und Geschlechterforschung an der Goethe Universität Frankfurt und Autorin des Buches: Die Hinterbühne der Care-Arbeit. Transnationale Perspektiven auf Care Migration im geteilten Europa. Beltz Juventa 2018.

[1] Aulenbacher, Brigitte und Fabienne Décieux. 2019. Prekaritäten: internationale Forschung zu globalen Ungleichheiten, Ungleichzeitigkeiten und Geschlecht. In Handbuch Interdisziplinäre Geschlechterforschung, Hrsg. Beate Kortendiek, 1-10. Wiesbaden: Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH.

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