Cornelia Goethe Centrum

In der Pandemie stellt sich die Frage der Systemrelevanz neu – aber die Lösungen gehen auf Kosten der Frauen

Birgit Blättel-Mink 

Die Care-Arbeit, unterbezahlt und größtenteils unsichtbar, erhält in den Zeiten von Corona eine unerwartete Aufmerksamkeit. Die Medien überschlagen sich beinahe in der Würdigung und Anerkennung der Arbeit von Vertreter*innen der Gesundheits- und Pflegeberufe. Die Gesellschaft dankt ihren Care-Arbeiter*innen mit er Einmalzahlung von 500 Euro und einer zugesprochenen Systemrelevanz. Stellvertretend für seine Profession reagiert ein Pfleger mit den Worten „Bitte keine Merci-Schokolade mehr“. Die Frage, die nun zu stellen ist, lautet, ob diese gesellschaftliche „Wertschätzung“ von Pflegeberufen und Care-Tätigkeit in der Pandemie dazu beitragen wird, dass Familien-, Pflege- und Hausarbeit auch in Zukunft den ihr zukommenden Stellenwert in unserer Gesellschaft haben wird. Unnötig zu betonen, dass diese Arbeit zum allergrößten Teil von Frauen erbracht wird.

In der Arbeitssoziologie wird seit langer Zeit und vor allem aus einer kritisch feministischen
Perspektive ein „erweiterter Arbeitsbegriff“ gefordert, der Care-Arbeit anlog zur Lohnarbeit
systematisch in Wert setzt und nicht als unsichtbaren Teil des Lohns für abhängige Beschäftigung [1] ansieht . In der aktuellen Krise kommt noch eine weitere Aufgabe hinzu, das home schooling, die
Schule zu Hause, und damit die Übernahme der Rolle der Lehrer*innen durch die Eltern. Eine Aufgabe, die erneut überwiegend von Frauen erbracht wird, die entweder in Kurzarbeit (z.B. Friseur*innen oder Beschäftigte im Einzelhandel), im Home Office (Schulen, Hochschulen, Verwaltung, Versicherung, Bankenwesen) oder erwerbslos sind. Durch die Schließung der Tagespflegeeinrichtungen von älteren Menschen, müssen auch hier erweiterte Care-Aufgaben erledigt werden. Die Politik selbst, kümmert sich um diese „Reproduktionskrise“ die hauptsächlich Frauen trifft, indes kaum.

Gründe für die Forderung nach der konsequenten In-Wert-Setzung von Care-Arbeit liegen nicht nur in dem Wunsch nach Anerkennung, sondern in der notwendigen Bekämpfung struktureller und sozialer Ungleichheiten. Die sogenannte Gender Pay Gap, die Lücke also zwischen dem Bruttostundenlohn von Frauen und Männer, geht zuungunsten der Frauen. Frauen verdienen in
Deutschland immer noch deutlich weniger als Männer – die Zahlen variieren von 25 bis unter 10 [2] Prozent . Ein großer Teil der „Lücke“ lässt sich durch strukturelle Faktoren erklären, wie den hohen Anteil von Frauen, die in Branchen tätig sind, in denen die Löhne geringer sind als in den typischen „Männerberufen“ und in denen sie nur geringe Aufstiegschancen haben. Zudem ist ein hoher Anteil von Frauen – teilzeitbeschäftigt oder in Minijobs tätig – weitere Gründe dafür, dass sie einen geringeren Stundenlohn erhalten. Diese, sich über die letzten Jahrzehnte hartnäckig haltende Gehaltslücke hat selbstverständlich Konsequenzen für die Versorgung im Alter: die sogenannte Pension Pay Gap geht ebenfalls zuungunsten der Frauen.

Der genannte, und auch im europäischen Vergleich, hohe Anteil von Frauen, die in Teilzeitarbeit oder in Mini-Jobs beschäftigt ist, belegt für Deutschland die Persistenz des sogenannten männlichen Ernährer-Modells („male-breadwinner-model“) als dominantes Leitbild. Die Versorgung der Kinder obliegt den Frauen, ob entlang des männlichen Versorgermodells, oder als unterbezahlte und unsichtbare Arbeit in Kindertagesstätten, Kindergärten oder als Hausangestellte. Letztere Personengruppe setzt sich vor allem aus Frauen mit Migrationshintergrund zusammen, deren Schul- und berufsbildende Abschlüsse häufig nicht anerkannt werden, so dass sie, um überleben zu können, auf Tätigkeiten jenseits ihrer beruflichen Qualifikation zurückgreifen müssen. Dieses männliche Versorgermodell zeigt sich auch in der innerfamilialen Arbeitsteilung. Auch wenn aktuell das sogenannte partnerschaftliche Modell zunimmt, in dem sich die Partner*innen die Haus- und Familienarbeit teilen, so ist der Anteil der Paare, in denen die Arbeit ungleich verteilt ist, noch deutlich größer. Eine der Folgen der Ungleichverteilung von Arbeit zwischen den Geschlechtern waren sinkende Geburtenzahlen in den vergangenen Jahren und über alle sozialen Klassen hinweg. Dieses Phänomen schwächt sich aktuell etwas ab – unter anderem durch die Migrationsbewegungen und durch die staatlichen Bemühungen um eine verbesserte Infrastruktur (z.B. Kindertagesstätten). Die Corona-Krise, in welcher die Kindertagesstätten über Wochen geschlossen sind, dürfte diesen „Fortschritt“ zumindest abschwächen.

Die Corona-Krise entlarvt auch noch einmal verschärft die prekäre Situation vieler Alleinerziehender, auch hier der allergrößte Teil weiblich, die ihre Erwerbsarbeit mit der ganztags Versorgung der Kinder vereinbaren müssen. Dass diese Gruppe bei der Notbetreuung aktuell Vorrang hat, dürfte hier nur eine teilweise Entlastung schaffen.

Nicht nur aus einer kritisch feministischen Perspektive, sondern auch im Interesse des Gemeinwohls, scheint es an der Zeit, die genannten Missstände zu beheben. Hochgelobte Konzepte wie Corporate Social Responsibility, also die auf Freiwilligkeit basierenden Aktivitäten von Unternehmen, die ihre Bereitschaft zu gesellschaftlicher Verantwortungsübernahme belegen sollen, lösen das Problem nicht. Eine Care-Arbeit anerkennende Familien-, Sozial- und Arbeitspolitik ist hier gefragt.

Der letzte Blick gilt unserer eigenen Profession und der Care-Arbeit an der Hochschule, von der wir behaupten [3], dass Sorgearbeit ein zentraler und konstitutiver Bestandteil insbesondere der Lehrtätigkeit ist und somit in den akademischen Arbeitspraktiken und Sozialbeziehungen per se wirksam wird. Frauen leisten auch hier überproportional die Care-Arbeit, sorgen für den sozialen Kitt und die emotionale Anteilnahme – leisten Arbeiten, die sich nicht in dem formalen akademischen Leistungskatalog abbilden lassen. [4] Es ist daher nicht verwunderlich, dass auch die ‚online Lehre‘, wie sie derzeit noch im Notfall-Modus stattfindet, die Frage der akademischen Sorgearbeit kaum thematisiert. Die Befunde, die uns über die Verteilung der gesellschaftlichen Care-Arbeit vorliegen, lassen vermuten, dass die Digitalisierung der Lehre eine weitere Mehrbelastung für Frauen bedeutet. Aus Gesprächen mit Kolleginnen wissen wir, dass die wenigsten die Zeit mit Forschung verbringen können, dass viel Zeit eben mit der Sorge für Studierende und für das Aufrecht- und Zusammenhalten der „akademischen Familie“ verwendet wird – neben den üblichen und in der Krise noch einmal verstärkten Belastungen durch Care-Arbeit. Das ohnehin unsichtbare akademische Reproduktionskonto wird weiter über Gebühr belastet.

Birgit Blättel-Mink ist Professorin für Soziologie mit dem Schwerpunkt Industrie- und Organisationssoziologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main und Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Soziologie. Vor allem im Kontext der ökologischen Krise untersucht sie mit ihrem Team alternative Versorgungsmodelle und deren Arbeitsverständnis; siehe z.B. Blättel-Mink, Birgit/Schmitz, Sarah/Rau, Alexandra (2018) Postwachstumsprojekte – Neue soziale Praktiken in Zeiten der Vielfachkrise des Kapitalismus. In: Kannengiesser, Sigrid/Weller, Ines (Hrsg.): Konsumkritische Projekte und Praktiken – Interdisziplinäre Perspektiven auf gemeinschaftlichen Konsum, oekom verlag, München, S. 57-73.

[1] U.a. Aulenbacher, Brigitte (2010) Rationalisierung und der Wandel von Erwerbsarbeit aus der Genderperspektive. In: Böhle, Fritz/Voß, G. Günter/Wachtler, Günther (Hrsg.): Handbuch Arbeitssoziologie. Wiesbaden: Springer VS, S. 301-328.
[2] Vgl. https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2020/03/PD20_097_621.html
[3] Briken, Kendra /Blättel-Mink, Birgit /Rau, Alexandra /Siegel, Tilla (2018) „Sei ohne Sorge“. Vom Vermessen und Un/Sichtbarmachen akademischer Sorgearbeit in der neoliberalen Hochschule. In: Hark, Sabine /Hofbauer, Johanna (Hrsg.): Vermessene Räume, gespannte Beziehungen. Berlin: Suhrkamp, S. 311-339.
[4] Inge, Sophie (2020): “Students ‘more likely to go to female lecturers for favours’. Special requests divert women from more productive activities, study warns.”, in: Times Higher Education, https://www.timeshighereducation.com/news/students-more-likely-go-female-lecturers-favours; Zugriff 7 Mai 2020.

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