Cornelia Goethe Centrum

Cornelia Goethe Colloquium SoSe20 „Intersektionalität im Kreuzfeuer?“

Als Angela Davis Gastprofessorin hält Ann Phoenix am 15.07.2020 den Vortrag „Interrogating Intersectional contestations: Should the privileged speak?“. Da die Gastprofessur von Ann Phoenix auf das Sommersemester 2021 verschoben wurde, findet dieser Vortrag vorab im Rahmen der Cornelia Goethe Colloquien im Sommersemester 2020 statt, welche unter dem Titel „Intersektionalität im Kreuzfeuer?“ stehen. Die Cornelia Goethe Colloquien sind ein offenes Diskussionsforum für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung. Weitere Informationen zur Vortragsreihe finden Sie im Programmheft.

Vortrag „Interrogating Intersectional contestations: Should the privileged speak?“

As intersectionality has become both more ubiquitous and more popular, it has increasingly been more debated and contested. This is partly because, as Kathy Davis suggests, it is sufficiently expansive to accommodate varied approaches. Yet, since an everyday feature of academia is to produce new, better understandings to replace previous versions, many intersectional theorists seek to establish their version as superior to others. At the same time, the popularity of the concept has generated antagonism from those who do not subscribe to intersectionality.
This talk examines different ways in which intersectionality is contested. It considers both ‘outsider’ and ‘insider’ critiques. It examines a variety of ways in which political differences run through the different contestations, ranging from animosity that can be seen as competition in what Martinez called the ‘Oppression Olympics’, scepticism about different transatlantic academic/political concerns and questions about the (dis)privileging of particular social categories and locations. Cross-cutting many of the claims, critiques, responses and defensiveness about how intersectionality should be theorised and employed are heated disputes about racialisation and racisms and rumbling contestations about gender. The talk argues that these multiple critiques and contestations are themselves illuminating of society, social processes and hopes and fears for transformation towards particular versions of social justice.

Abstract Cornelia Goethe Colloquium SoSe 2020:

Intersektionalität‘ ist ein Konzept, das den Blick auf die Kreuzung (engl. ‚intersection‘), Verflechtung oder Wechselwirkung verschiedener Ungleichheitsverhältnisse richtet. Entwickelt wurde dieser Ansatz, um soziale Platzanweiser wie ‚race‘, ‚class‘ und ‚gender‘ in ihrer Verschränkung sichtbar zu machen. Am Kreuzungspunkt wird Diskriminierung unsichtbar, so die Kritik Schwarzer Frauen. Die Rechtswissenschaftlerin Kimberlé Crenshaw zeigte dies am für dieses Konzept paradigmatischen Fall DeGraffenreidt vs General Motors (1976). Schwarze Frauen hatten gegen ihre Entlassung geklagt, die General Motors nach dem Prinzip „last hired, first fired“ vornahm, da sie überproportional betroffen waren. Nach der Argumentation von General Motors, der das Gericht folgte, lag hier keine rassistische Diskriminierung vor, da Schwarze Männer nicht überproportional betroffen waren und es lag keine Geschlechtsdiskriminierung vor, da weiße Frauen ebenfalls nicht überproportional betroffen waren. Dass Schwarze Frauen – im Unterschied zu weißen – erst ab 1964 eingestellt worden waren, fand keine Berücksichtigung.
Seit einigen Jahrzehnten werden Intersektionalitätsdebatten in globalen feministischen wissenschaftlichen und politischen Auseinandersetzungen geführt. Mithilfe rassismuskritischer, post- und dekolonialer Perspektiven werden Analysen von komplexen Unterdrückungsverhältnissen vorgenommen, um auf dieser Grundlage Gerechtigkeitspolitiken zu erarbeiten, Handlungsstrategien und neue Methodologien zu entwickeln. Intersektional zu denken und zu handeln, ist dabei mehrfach begründet: durch den Ausschluss Schwarzer Frauen, durch das Antidiskriminierungsrecht und durch die Notwendigkeit einer Revision von wissenschaftlichen, feministischen Politiken und Erkenntnistheorien. Wissenschaftliche Analysen und die Frage sozialer Gerechtigkeit sind in intersektionalen Ansätzen folglich verknüpft.
In Deutschland haben insbesondere die Interventionen Schwarzer, jüdischer, migrierter und lesbischer Frauen an internationale Debatten angeschlossen und damit wichtige Impulse für die Intersektionalitätsdebatte geschaffen. Den Mittelpunkt intersektionaler Einsätze bildet ein „doppelter Blick“ auf Unterdrückungsverhältnisse und Privilegien einerseits und auf die Bedeutung von Othering-Prozessen andererseits. Diese zeigen sich etwa in der Konstruktion der Figur der Dritte-Welt-Frau als gewissermaßen notwendigem und gleichzeitig verworfenem Gegenbild des modernen westlichen Feminismus.

Die in der internationalen Intersektionalitätsdebatte entfalteten Analyseansätze weisen folglich eine Engführung feministischer Politik und Forschung, bei der Gender als Masterkategorie fungiert, zurück und nehmen stattdessen die historisch und gesellschaftlich je spezifischen sozialen Benachteiligungsfaktoren in den Blick (Sexualität, soziale Klasse, Race/ Ethnizität, Dis/ability, Zugehörigkeit etc). Als Gegenstände intersektionaler Zugänge können die Ko-konstitution von Machtund Herrschaftsverhältnissen und die damit verbundenen Hervorbringungen von Subjektivierungen, Handlungsmöglichkeiten und –begrenzungen und ihren Folgen für individuelle Lebenslagen beschrieben werden. Eine zentrale Frage in diesem Zusammenhang ist auch, wie sich das Subjekt eines politischen Feminismus und einer feministischen Wissenschaft denken lässt, wenn das bisherige Subjekt des Feminismus aufgegeben werden muss, weil es ethnozentrische, koloniale und imperialistische Ausschlüsse produziert.

In dieser Vortragsreihe werden aktuelle Debatten aufgegriffen, die sich sowohl auf den erkenntnistheoretischen Status von Intersektionalität als auch auf Potenziale und Grenzen für einzelne Disziplinen beziehen; darüber wird die Frage diskutiert, wer mit dem Intersektionalitätskonzept arbeiten kann: Stellt das Konzept eine Theorie, eine Heuristik oder eine Methodologie dar? Wem ‚gehört‘ das Konzept? Wie wird es im Rahmen der Sozial- und Erziehungswissenschaften, der Disability Studies und der Rechtswissenschaft heute verwendet? Und können/sollten Schwarze Wissenschaftler*innen das Konzept aufgrund seiner identitätspolitischen Herkunft anders für sich beanspruchen als weiße?

Einzeltermine

22.04.2020
Intersektionale Kritik der Polizei. Racial Profiling und abolitionistische Alternativen.
Vanessa E. Thompson
Vortragssprache: Deutsch

30.04.2020
Who owns intersectionality? Some reflections on feminist debates on how theories travel.
Kathy Davis
Vortragssprache: Englisch
Digital via Youtube

13.05.2020
Intersectionality in the Context of War and Peace: Lessons from Lanka.
Malathi De Alwis
Vortragssprache: Englisch

03.06.2020
Intersektionalität im Recht – Genese, Krisen, Perspektiven.
Elisabeth Holzleithner
Vortragssprache: Deutsch
Digital via Youtube

17.06.2020
Dis/ability als ‚etc.‘ in der Intersektionalitätsforschung? Reflexionen im Anschluss an die Disability Studies.
Anne Waldschmidt
Vortragssprache: Deutsch

15.07.2020
Interrogating Intersectional contestations: Should the privileged speak?
Ann Phoenix
Vortragssprache: Englisch
Digital via Youtube

Veranstalterin

Cornelia Goethe Centrum für Frauenstudien und die Erforschung der Geschlechterverhältnisse (CGC)

Zeit und Ort

Campus Westend
PEG-Gebäude, 1.G 191
Beginn jeweils 18 Uhr c.t.

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