Cornelia Goethe (1750-1777)

Das Schicksal von Cornelia Goethe steht beispielhaft für viele Schwestern berühmter Männer. Sie wurde als Cornelia Friederica Christiana Goethe nur 15 Monate nach ihrem berühmten Bruder Johann Wolfgang als zweites Kind von Katharina Elisabeth Textor und dem Kaiserlichen Rat Johann Caspar Goethe in Frankfurt am Main geboren. Cornelia und Johann Wolfgang waren die einzigen der insgesamt sieben Kinder des Ehepaares, die das Erwachsenenalter erlebten. Cornelia erhielt zunächst die gleiche bürgerliche Erziehung und Bildung wie ihr Bruder. Dies war ungewöhnlich für die damalige Zeit, in der Mädchen nur auf ihre Rolle als Ehefrau und Mutter vorbereitet werden sollten. Ab ihrem siebten Lebensjahr wurden die Geschwister von einem Hauslehrer in Sprachen, Rechtswissenschaft, Geographie, Schreiben und Rechnen unterrichtet. Cornelia Goethe bekam darüber hinaus Klavier-, Gesangs- und Zeichenunterricht sowie Lektionen in Anstandslehre und Tanz. Sie lernte Fechten und Reiten.

Trotz der sorgfältigen und gemeinsamen Ausbildung durfte Cornelia als Frau im Gegensatz zu ihrem Bruder nicht studieren. Als Johann Wolfgang 1765 sein Studium in Leipzig aufnahm, musste sie in der häuslichen Enge in Frankfurt zurückbleiben. Cornelia verlor mit dem Studienbeginn ihres Bruders einen Vertrauten und Gesprächspartner für ihre literarischen Interessen. Dass die enge Verbindung der Geschwister weiterhin bestand, zeigen ihre Briefe aus dieser Zeit. In den Briefen von Johann Wolfgang werden jedoch auch die damals allgemein anerkannten zwischen den Geschlechtern bestehenden Unterschiede sowie seine bevormundende Haltung gegenüber seiner Schwester sichtbar: So weist er diese auf die weibliche Pflicht hin, sich die notwendigen Kenntnisse in Haushaltung und Kochkunst anzueignen. Die schriftstellerische Begabung von Cornelia Goethe zeigte sich in ihrem geheimen Brieftagebuch, der an ihre Freundin Katharina Fabricius gerichtete „Correspondance Secrète“, die sie von 1767 bis 1769 in französischer Sprache geführt hat. Anders als ihre Briefe an ihren Bruder, der diese verbrannte, blieb diese erhalten. In diesen Berichten, Beschreibungen und Szenen wirft Cornelia einen genauen und vernichtenden Blick auf die bessere Frankfurter Gesellschaft. Die Texte lesen sich wie autobiographische Zeugnisse und vermitteln einen Einblick in ihr Leiden an der für Frauen vorbestimmten Rolle als Ehefrau.

Mit 23 Jahren heiratete Cornelia Goethe schließlich Johann Georg Schlosser, einen Freund ihres Bruders. Das Zimmer, das sie bis dahin im Frankfurter Elternhaus bewohnte, ist erhalten geblieben und im Frankfurter Goethe-Haus zu besichtigen. Johann Wolfgang reagierte auf die Eheschließung seiner Schwester mit Eifersucht. Kurz vor der Hochzeit schrieb er an eine Freundin: „Ich sehe einer fatalen Einsamkeit entgegen. Sie wissen, was ich an meiner Schwester hatte“. Die frisch verheiratete Cornelia Schlosser zog mit ihrem Ehemann zunächst nach Karlsruhe, wo sie aber nur ein halbes Jahr blieben. Danach ging es weiter nach Emmendingen bei Freiburg, wo Georg Schlosser eine Anstellung erhielt. Die Ehe wurde nicht glücklich. Schlosser galt als rechtschaffener aber pedantischer Anwalt. In der Provinzstadt gab es nichts, das Cornelia reizte und ihren Intellekt ansprach. Cornelia fühlte sich einsam und wurde kränklich. Ihren Haushalt führte sie nur widerwillig. Ihr Ehemann, der sie weder als Schriftstellerin und gebildete Gesprächspartnerin ernst nahm, zeigte weder für die Empfindsamkeit noch für die zerbrechliche Konstitution seiner Frau Verständnis. Er sah in ihr die Hausfrau, die die gesellschaftlichen Verpflichtungen erfüllen sollte. Frauen waren in seinen Augen untergeordnete Geschöpfe, die jede wissenschaftliche Betätigung überfordern musste und die deshalb nur leichte geistige Unterhaltung konsumieren sollten. Johann Wolfgang Goethe besuchte seine Schwester während dieser Zeit nur ein einziges Mal. Dabei wurde er von Jakob Michael Reinhold Lenz begleitet. Lenz wurde nach diesem Besuch zu einem engen Freund von Cornelia Schlosser. Er war für sie ein wichtiger Gesprächspartner für ihre intellektuellen Interessen. Lenz selbst sprach in mehreren Dichtungen von Cornelia als seiner „Muse Urania“.

Cornelia Schlosser wurde durch die Geburt ihrer ersten Tochter 1774 so stark geschwächt, dass sie diese nur knapp überlebte. Zwei Jahre später wurde sie erneut schwanger. Sie starb kurz nach der Geburt der zweiten Tochter am 8. Juni 1777 im Alter von 26 Jahren. In ihrem Wohnsitz in Emmendingen ist heute die Stadtbibliothek untergebracht.

Literaturauswahl zu Cornelia Goethe

  • Melanie Baumann(Hg.): Cornelia Goethe: Briefe und Correspondance secrete 1767-1769. Freiburg: Kore 1990.
  • Bernhard Benz: Die unsäglichen Leiden der jungen Cornelia Goethe : Szenen aus dem 18. Jahrhundert. Jungingen: Prologos-Verlag 2003.
  • Ernst Beutler (Hg.): Goethe. Briefe aus dem Elternhaus. Zürich: Artemis 1960.
  • Sigrid Damm: Cornelia Goethe. Frankfurt am Main und Leipzig: Insel Verlag 1992.
  • Stephanie Fleischer: Literatur und Lebensgestaltung. Cornelia als Leserin zeitgenössischer Briefromane, in: Welfengarten. Jahrbuch für Essayismus, 6. Jg. 1996, S. 69-82.
  • Johann Wolfgang von Goethe: Goethe an Cornelia: die dreizehn Briefe an seine Schwester. Hamburg: Hoffmann und Campe 1986.
  • Johann Wolfgang von Goethe: Die Geschwister. Dramen, Bd. 3. Zürich: Artemis 1962.
  • Johann Wolfgang von Goethe: Dichtung und Wahrheit. Herausgegeben von Klaus-Detlef Müller (Goethe Werke Jubiläumsausgabe. Fünfter Band.) Frankfurt am Main: Insel 1998 [1812/14].
  • Sabine Hock: Zeitlebens litt Cornelia an ihrer „Hässlichkeit“: die jung gestorbene Schwester Goethes krankte an einem unglücklichen und unerfüllten Leben, in: Wochendienst // Presse- und Informationsamt der Stadt Frankfurt am Main; 1998, Nr. 7, S. 1-2.
  • Gerlinde Kraus: Cornelia Goethe – Ein typisches Frauenleben im 18. Jahrhundert? Porträt einer Frankfurter Bürgerin. Mühlheim am Main: Schroeder Verlagsbuchhandlung 2010.
  • Walfried Linden: Marie, Gretchen, Helena. Goethe und seine Schwester Cornelia im Spiegel seiner Frauengestalten, in: Jahrbuch der Psychoanalyse, 27. Jg. 1991, S. 224-238.
  • Petra Maisak: Johann Georg Schlosser, Goethes Schwester Cornelia und ihre Freunde in Emmendingen. Marbach am Neckar: Deutsche Schillergesellschaft 1992.
  • Ilse Nagelschmidt: Briefe und Tagebücher als Effekt Biographischen Erzählens. Zwei Frauen im Spiegel des Textes. Cornelia Goethe. Brigitte Reimann, in: Regina Fasold (Hg): Begegnung der Zeiten. Festschrift für Helmut Richter zum 65. Geburtstag. Leipzig: Universitätsverlag 1999, S. 277-291.
  • Ilse Pohl: Biographical miniatures of Cornelia Goethe, Adele Schopenhauer, Clara Schumann and Annette von Droste-Hülshoff. – My songs they shall survive. Frankfurt am Main [u.a.]: Frankfurter Verl.-Gruppe 2006.
  • Ulrike Prokop: Die Illusion vom großen Paar. Band 2: Das Tagebuch der Cornelia Goethe. Frankfurt am Main: Fischer 1991
  • Ulrike Prokop: Cornelia Goethe (1750-1777): Die Melancholie der Cornelia Goethe, in: Luise F. Pusch (Hg.): Schwestern berühmter Männer: Zwölf biographische Portraits. Frankfurt a. M.: Insel 1985, S. 49-122.
  • Luise Pusch: Cornelia Goethe http://www.fembio.org/biographie.php/frau/biographie/cornelia-goethe
  • Arnd Rühle: Der große Bruder nimmt ihr ganzes Herz ein: das Goethehaus feiert Cornelia Goethe zum 250. Geburtstag. Frankfurt am Main 2000.
  • Georg Witkowski: Cornelia, die Schwester Goethes. Frankfurt am Main: Rütten & Loening 1903 (2. Aufl. 1924).