Cornelia Goethe Centrum

Cornelia Goethe Colloquien im Wintersemester 2017/18

Die Cornelia Goethe Colloquien sind als offenes Diskussionsforum für interdisziplinäre Frauen- und Geschlechterforschung eingerichtet.
Interessierte* sind herzlich zur Teilnahme eingeladen.

In diesem Semester stehen die Colloquien unter dem Titel:

„Die Anderen der Reproduktionsmedizin. Feministische Perspektiven auf Arbeit, Familie und Rassismus“

Reproduktionsmedizinische Kliniken bieten assistierte Befruchtungen an und immer mehr Frauen und Paare nehmen diese Dienstleistungen in Anspruch. Das Verhältnis zwischen den nachfragenden Klient*innen und den Anbieter*innen assistierter Reproduktion steht im Zentrum politischer Debatten und medialer Repräsentationen. Diskutiert wird die individuelle reproduktive Selbstbestimmung von Frauen, das unerfüllte Begehren nach dem „eigenen“ Kind und die Legitimität, diesen Wunsch mittels Technologien zu befriedigen. Ein individualisierender Blick auf die unmittelbar Beteiligten blendet jedoch viele Dimensionen der mit Reproduktionstechnologien einhergehenden sozialen Verhältnisse aus und ignoriert eine Vielzahl von weiteren Akteur*innen. Die Vortragsreihe richtet den Blick auf diese „Anderen“ der Reproduktionsmedizin.
Was bedeutet die globale Expansion dieser Technologien etwa für diejenigen Frauen, die transnational Eizellen bereitstellen oder als Leihgebärende arbeiten? Reproduktionstechnologien umfassen auch diagnostische Verfahren zur Analyse von embryonalen Besonderheiten – welche Werturteile sind mit der Nutzung dieser Verfahren verbunden und welche Folgen hat dies für Menschen, die nicht den körperlichen und geistigen Normvorstellungen entsprechen? Der Wunsch nach einem „eigenen“ Kind beinhaltet spezifische Vorstellungen biologischer oder genetischer Verwandtschaft. Was sind die Triebkräfte dieser Entwicklungen, und welche anderen Formen des Zusammenlebens mit Kindern geraten damit aus dem Blick? Aber auch: Um wessen Kinderwünsche geht es überhaupt? Welche rechtlichen Regelungen und institutionellen Praktiken schließen diejenigen vom Zugang zu diesen Dienstleistungen aus, die jenseits heteronormativer Konstellationen Kinder haben wollen? Und: Welche Frauen sollen weltweit durch den Einsatz hochentwickelter Verhütungstechnologien davon abgehalten werden, (mehr) Kinder zu bekommen? Die Vorträge diskutieren diese Fragen nach den „Anderen“ der Reproduktionsmedizin aus politikwissenschaftlicher, kulturanthropologischer, soziologischer und historischer Perspektive. Jeder der Vorträge wird von einem Kurzkommentar von Frankfurter Wissenschaftler*innen aus verschiedenen Disziplinen flankiert

Veranstalter*innen: Cornelia Goethe Centrum für Frauenstudien und die Erforschung der Geschlechterverhältnisse (CGC)

Konzeption: Dr. Eva Sänger und Dr. Susanne Schultz

Koordination: Cigdem Toprak, M.A.

Zeit und Ort

Campus Westend, PEG-Gebäude, R. 1.G 191
und Casino Festsaal (Raum 823)
jeweils mittwochs, 18-20 Uhr c.t.

Foto: JERRY LAI

Einzeltermine

26
Okt
18:00 bis 20:00
26.10.17

Achtung! Die Veranstaltung findet an einem Donnerstag statt und im SH 5.101

The focus of the lecture is the analysis of a fundamental paradox of commercial surrogacy – wherein a market that literally produces humans and human relationships is critically dependent on the maintenance of a global racial reproductive hierarchy. To understand the booming market of surrogacy in India we have to situate it within its rather contradictory reproductive history – the postcolonial state agenda of aggressive antinatalism at home coupled with the neo-liberal imperative of unrestrained fertility choices. This national agenda resonates with a broader global population control program that frames the high fertility rates of countries in the global south as a “global danger” that needs to be controlled at whatever cost. At one level, the womb-mothers (surrogates) subvert these hegemonic discourses by taking control over their bodies and using their fertile bodies “productively”. At another level, as they align their own reproduction through decisions about fertility, sterilization and abortion, in order to (re)produce children of higher classes and privileged nations, they ultimately conform to this global imperative of reducing the fertility of lower class women in the global south. Despite these global structural inequalities surrogates’ creatively construct kinship ties with the baby and the intended mother. These ties cross boundaries based on class, caste and religion and sometimes even race and nation.

Kommentar: Ursula Apitzsch, Goethe-Universität Frankfurt

Amrita Pande is Senior Lecturer in the Department of Sociology at University of Cape Town. Her research focuses on the intersection of globalization and the intimate. Besides academic publications, she has also written for national newspapers across the globe. She is also an educator-performer touring the world with a multi-media docu-drama, Made in India: Notes from a Baby Farm (2012). She is currently leading a large research project exploring the “global fertility flows”, of eggs, sperms, embryos and wombs, connecting the world in unexpected ways.

Vortragssprache: Englisch

 

 

8
Nov
18:00 bis 20:00
08.11.17

What do cross-border egg donation practices show us about society and culture more broadly? In a time of heightened tensions around borders, increased racism and contentious gender relations we can see that whilst the opening up of borders for reproduction with technological assistance is on the increase, attention to the ways in which these reflect contemporary political and social shifts is less prevalent. Whilst Franklin (2013) has demonstrated that biology and gender are remade through IVF, others indicate how colonialism and race are reinscribed into culture through new practices of cross border reproduction (Vora 2013, Rudrappa 2015). With notable exceptions (Thompson 2005), little attention has been paid to the detailed socio-technical practices of oocyte extraction and exchange, and the narratives that people weave around their participation in these with a view towards critiquing structures and formations of race, racism and borders. Drawing on my monograph “Extractions” (2013) I look back at how oocyte exchange appeared in 2002 in order to reflect on what it is today, what it shows (monstrare) and the things it warns us about (monere).

Kommentar: Meike Wolf, Goethe-Universität Frankfurt

Michal Nahman is an anthropologist working at the crossroads of medical and political anthropology. Her work mainly centres on the interweaving of reproduction with national, border, migration and economic concerns from a feminist technoscience studies and anthropological perspective. Her book Extractions: An Ethnography of Reproductive Tourism (Palgrave, 2013) draws on a study of transnational egg donation and IVF between Israel and Romania at the time of the second Palestinian Intifada. Dr. Nahman has also begun to work in visual media, exploring women and men’s experiences of new parenthood in her film: Atomised Mothers: A film about Isolation, “Austerity” and the Politics of Parenthood (2015).

Vortragssprache: Englisch

22
Nov
18:00 bis 20:00
22.11.17

Der nicht-invasive Pränataltest (NIPT), der seit 2012 auf dem Markt ist, ist gesellschaftlich umstritten. Mit dem NIPT kann anhand des Bluts der schwangeren Frau früh getestet werden, ob das werdende Kind eine Trisomie wie das Down Syndrom hat. Der NIPT ist Thema zahlreicher Stellungnahmen, Veranstaltungen oder Proteste verschiedener zivilgesellschaftlicher Akteur*innen. Kritisiert und befürchtet werden die Diskriminierung von Menschen mit Behinderungen, die Entsolidarisierung in der Gesellschaft oder das zunehmende Risikomanagement in der Schwangerenvorsorge. Zwar scheinen sich alle Akteur*innen darin einig, dass der NIPT gesellschaftliche und ethische Grundsatzfragen aufwirft, jedoch werden sie im bisherigen Entwicklungs- und Etablierungsprozess nirgends verhandelt. Wie kommt es dazu?
Insbesondere zwei Mechanismen führen dazu, dass die Verhandlung grundsätzlicher Fragen weitgehend verunmöglicht wird. Der NIPT wird erstens als Angelegenheit persönlicher Abwägung definiert. Zweitens basiert die politische Steuerung des NIPT auf einer institutionell abgesicherten Trennung zwischen technischer und normativ-politischer Bewertung, wodurch die Zuständigkeiten fragmentiert werden.

Kommentar: Thomas Lemke, Goethe-Universität Frankfurt

Sabine Könninger lebt und arbeitet als Politikwissenschaftlerin in Berlin. Sie forschte zum nicht-invasiven Pränataltest am Institut Mensch, Ethik und Wissenschaft (imew.de). Derzeit ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin bei der Berlin Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften in der IAG Gentechnologiebericht. Ihre Schwerpunkte sind Ethik- und Biomedizinpolitiken, Medizin- und Wissenschaftsgeschichte sowie politikwissenschaftliche Wissenschafts- und Technologieforschung. Sie ist Autorin des Buchs „Genealogie der Ethikpolitik“ (2016, Transcript Verlag).

Vortragssprache: Deutsch

13
Dez
18:00 bis 18:00
13.12.17

Die Ideologie des Familismus, die die gesellschaftliche Organisationsnorm aus dem Konzept einer „Idealfamilie“ ableitet, prägt seit Jahrhunderten Politik und Sozialstruktur in Deutschland und in anderen westlichen Ländern wesentlich mit. Familismus hat einen Ausgangspunkt, der schon immer nur für einen Bruchteil der Bevölkerung praktische Relevanz hatte: die Familie. Sie gibt es heute ebenso wenig, wie es sie je gegeben hat. Und schon gar nicht war sie zu allen Zeiten die bürgerliche Kleinfamilie, wie wir sie heute kennen. Familismus ist eine Spielart des Antifeminismus, denn nach der familistischen Ideologie herrschen in der he-
terosexuellen, leiblichen Kleinfamilie, die immer aus Vater, Mutter und Kind(ern) besteht, komplementäre Rollenaufteilungen entlang der Geschlechterlinien. In meinem Vortrag führe ich aus, wie „moderne“ Reproduktionstechnologien die Bedeutsamkeit der „Blutsbande“ und die Sentimentalisierung der leiblichen Kleinfamilie verstärken, für die es scheinbar keine Alternative gibt. Angesichts der „neuen“ rechtspopulistischen Akteur*innen, die Familie der „menschlichen Sozialnatur“ zuordnen, hat der Familismus Hochkonjunktur. Dennoch geht, wie ich zeigen werde, die gelebte Realität vielfältige andere Wege, die das ideologische Gemälde von der „Normalfamilie“ unterwandern.

Kommentar: Encarnación Gutiérrez Rodríguez, Justus-Liebig-Universität Gießen

Gisela Notz, freie Autorin, Sozialwissenschaftlerin und Historikerin, Berlin. Sie war bis 2007 wissenschaftliche Referentin mit dem Schwerpunkt Frauenforschung im Historischen Forschungszentrum der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn, Lehrbeauftragte an verschiedenen Universitäten, langjährige Redakteurin der Zeitschrift „beiträge zur feministischen theorie und praxis“, von 2004 bis 2010 Bundesvorsitzende von pro familia, und schrieb zahlreiche Bücher zu historischen und aktuellen Themen, die vor allem Leben und Arbeit von Frauen betreffen.

Vortragssprache: Deutsch

17
Jan
18:00 bis 18:00
17.01.18

Seit Anfang der 2000er Jahre steigt in Deutschland die Zahl der lesbischen und queeren Frauen*paare, die über Samenspenden Kinder bekommen. Die entstehenden Familienkonstellationen sind vielfältig, die Routen der Reproduktion ebenso: Heteronormative rechtliche Rahmenbedingungen und institutionelle (Nicht-)Adressierungen lesbisch-queerer Lebensformen erschweren in Deutschland den Zugang zu Reproduktionskliniken – neben Reisen in Länder mit einem liberaleren Zugang zu reproduktionsmedizinischen Behandlungen nutzen die Paare häufig Do-it-yourself-Praktiken wie die Selbstinsemination.Die Grundlage des Vortrags bilden 21 qualitative Interviews mit lesbischen und queeren Frauen*paaren aus Deutschland, die über eine Samenspende Kinder bekommen haben. Zunächst werden Ausschlüsse nicht-heterosexueller Lebensweisen auf rechtlicher und medizinischer Ebene in den Blick genommen und „Othering“-Prozesse nachgezeichnet. Unter Rückgriff auf Perspektiven der Queer Studies und der Feminist Science and Technology Studies stehen im Anschluss die verschiedenen Aneignungsweisen der lesbischen und queeren Akteurinnen* im Zentrum sowie die Frage, inwiefern ihre reproduktiven Praktiken heteronormative Vorstellungen von Familie, Verwandtschaft, Geschlecht und Reproduktion herausfordern.

Kommentar: Kira Kosnick, Goethe-Universität Frankfurt

Sarah Dionisius studierte Politikwissenschaft an der Goethe-Universität und war wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Soziologie am Schwerpunkt Biotechnologie, Natur und Gesellschaft. Sie promoviert zur Frage einer Neuverhandlung von Familie, Verwandtschaft und Geschlecht durch lesbische und queere Paare. Seit 2015 arbeitet sie bei rubicon e.V. in Köln und berät Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans* und queere Personen zu Familiengründung und Elternschaft.

Vergangene Cornelia Goethe Colloquien

Booklet: Cornelia Goethe Colloquien im Sommersemester 2017

Booklet: Cornelia Goethe Colloquien im Wintersemester 2016/17

Booklet: Cornelia Goethe Colloquien im Sommersemester 2016

Booklet: Cornelia Goethe Colloquien im Wintersemester 2015/2016

Booklet: Cornelia Goethe Colloquien im Sommersemester 2015

Booklet: Cornelia Goethe Colloquien im Wintersemester 2014/2015

Booklet: Cornelia Goethe Colloquien im Sommersemester 2014

Booklet: Cornelia Goethe Colloquien im Wintersemester 2013/2014

Booklet: Cornelia Goethe Colloquien im Sommersemester 2013

Booklet: Cornelia Goethe Colloquien im Wintersemester 2012/2013

Booklet: Cornelia Goethe Colloquien im Sommersemester 2012

Booklet: Cornelia Goethe Colloquien im Wintersemester 2011/2012

Booklet: Cornelia Goethe Colloquien im Sommersemester 2011

Booklet: Cornelia Goethe Colloquien im Wintersemester 2010/2011

Booklet: Cornelia Goethe Colloquien im Sommersemester 2010

Booklet: Cornelia Goethe Colloquien im Wintersemester 2009/2010

Booklet: Cornelia Goethe Colloquien im Sommersemester 2009

Booklet: Cornelia Goethe Colloquien im Wintersemester 2008/2009

Booklet: Kolloquium im Sommersemester 2008

Booklet: Kolloquium im Wintersemester 2007/2008

Booklet: Kolloquium im Sommersemester 2007

Booklet: Kolloquium im Wintersemester 2006/2007

Booklet: Kolloquium im Sommersemester 2006

Booklet: Kolloquium im Wintersemester 2005/2006