1.G191, soweit nicht anders angegeben
Wissen wandert. Es diffundiert, wird moduliert und übersetzt. Es bettet sich in kulturelle und soziale Zusammenhänge, durchzogen von Kontingenzen und bleibt doch eingelassen in gesellschaftliche Machtverhältnisse. Mehr denn je wird im Kontext aktueller gesellschaftlicher Entwicklungen sichtbar, wie sehr die Wanderungen des Wissens verbunden sind mit den Möglichkeiten epistemischer Akteur*innenschaft. Fragen aus dem Bereich feministischer und postkolonialer Philosophie und Wissenschaftskritik gewinnen damit gerade jetzt erneut an Bedeutung: Wer kann wie als Subjekt von Wissen auftreten und Gehör finden? Welche Erfahrungen werden in welchen Kontexten aufgerufen? Und welche Geltungsansprüche binden sich daran?
Herrschaftskritisches Wissen sozialer Bewegungen hat Eingang in kritische Theorien und damit auch in die Universität gefunden. Gleichzeitig sehen sich kritisches Wissen und kritische Wissenschaft immensen Anfechtungen ausgesetzt, die sich etwa in politischen Angriffen zeigen. Zudem entwertet aktuell jedoch auch die sich ausweitende Macht von KI geistige Arbeit.
Der Verbreitung von Wissen, das Diversität ermöglicht, das vermittelt, übersetzt und differenziert, steht demnach eine Entwertung eben dieser Wissensformen gegenüber.
Feministische und postkoloniale Ansätze haben an verschiedenen Stellen einen kritischen Begriff der Übersetzung ins Spiel gebracht, um soziale Räume des Aufeinandertreffens von Körpern, Sprache, Wissen und Erfahrungen wie auch Möglichkeiten und Grenzen der Vermittlung und des Verstehens unter den Bedingungen asymmetrischer Verhältnisse von Macht und Gewalt zu beschreiben. Übersetzungen erfolgen dabei in verschiedene Richtungen und sind stets auch mit der Ermöglichung von Alterität, mit Grenzen des Verstehens und mit Begegnungen verschiedener Gruppen und Bezugssysteme unter Bedingungen asymmetrischer Verhältnisse verbunden. Solche Gedanken sind sowohl in der Übersetzungswissenschaft als auch in den Geistes- und Kulturwissenschaften und in der Bildungstheorie aufgenommen worden, um neu über die Kontextgebundenheit von Wissen und Ansprüchen wie auch über epistemische Gewalt nachzudenken. Ausgehend von jenen kritischen Theorien, welche die Situiertheit von Wissen herausgestellt haben, darunter insbesondere queer-feministische, post- und antikoloniale sowie poststrukturalistische Ansätze, wird in diesem CGC-Kolloquium der Blick auf die widersprüchlichen Kontaktzonen gerichtet, in denen dominantes Wissen und jene Konzepte, die diese Dominanz kritisieren zusammentreffen. Im Mittelpunkt stehen insbesondere kritische Analysen des Andro- und des Logozentrismus, der Heteronormativität und Kolonialität von Begriffen, Konzepten und damit verbundenen Verhältnissen. Die Analyse und Diskussion richtet sich dabei nicht nur auf Wissenschaft, sondern auch auf Literatur und Journalismus Denn „Kultur“ stellt nicht nur einen Bereich dar, in dem sich Widerständigkeit artikulieren kann: Sie bildet derzeit selbst ein wichtiges Feld, auf dem politische Machtkämpfe vorbereitet und ausgetragen werden.
